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Die antiken Gold- und Silber-Monumente des K.K. Münz- und Antiken-Cabinettes in Wien / beschrieben von Joseph Arneth
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besteht. Das älteste Griechische, das Etruskische und Keltiberische haben alle eine gewisseÄhnlichkeit mit Runen, und scheinen alle Einen, wenn auch entfernten Ursprung zu haben.Es ist klar, dass, nachdem die anderen Schriftarten sich ausbildeten und vermehrten, dieRunen lange noch in der Kindheit und mehr mit dem Ursprünglichen verwandt blieben;aber wir müssen nicht vergessen, dass die Runen zum Theil von ungebildeten Nationengebraucht wurden, die an dem Überlieferten festhielten, die wenig Verbindung mit anderenNationen halten, und auch das Material, worauf man schrieb, oder richtiger gesagt, ein-schnitt, wirkte im Norden auf Reibehaltung der alten Form. Das Gewöhnliche war, dass dieRunen in hölzerne Stäbe oder Platten eingeschnitten wurden. Es ist klar, dass man leichtergerade als gebogene Züge ein schnitt, und letzteren desswegen gerne entging, was chara-kteristisch bei den älteren nordischen Inschriften ist und vielleicht auch auf andere Schrift-arten eingewirkt hat. So bequem dieses für das Eingraben, Einschneiden und Einhauen ist,so unbequem ist es wieder für eine zusammenhängende, mit Feder oder Pinsel zu machendeSchrift.

«Es ist eine alte Erfahrung, dass selbst in unserem Lande und in den benach-barten mehrere Arten Runen Vorkommen. Die gewöhnlichen nordischen lassen sich, wennman Rücksicht auf die veränderte Sprache nimmt, gewöhnlich mit der grössten Sicherheitlesen und deuten, aber es gibt andere, die man selbst auf steinernen Monumenten hier fin-det, die Schwierigkeiten darbieten, die noch bei Weitem nicht überwunden sind. Sobaldich einige Charaktere sehe, die nicht in unserm gewöhnlichen nordischen Alphabete sichbefinden, weiss ich schon aus vieler Erfahrung, dass wir nicht mehr sicher gehen. Beinaheauf allen in England gefundenen Inschriften mit Runen finden sich diese Charactere; dess-Iialb ist die Meinung aufgekommen, dass diese Inschriften anglo - sächsische Runen wären.

«Da sich in England eine durch die Römer völlig ausgebildete Monumental- und Ge-schäftsschrift vorfand, so kann ich keine andere Ursache finden, warum man zu dem Unvoll-kommenen und Unbequemen der Runen zurückging, als desshalb, weil diese Schriftart vonden Anglo-Sachsen aus ihrer Heimath mitgebracht war.

«Durch Verschmelzung der Runen und der römischen Schrift bildete sich allmäligdas Anglo - Sächsische aus; aber es gehörten Jahrhunderte dazu. Wenn wir die englischenMünzen betrachten, finden wir bisweilen beide Schriftarten neben einander.

«Ich kann die mehrmals geäusserte Meinung, dass Runen eine verdorbene römischeSchrift wären, nicht theilen; dass die obengenannte, in England geschehene Vereinigung vonbeiden Schriftarten dieser Meinung Anhaltspuncte gibt, ist natürlich; aber sehen wir aufden Charakter dieser, auf Einfachheit der ältesten nordischen Schrift, die nur sechzehnCharaktere hat, so wird man leicht überzeugt, dass der Ursprung dieser Schrift älter istals der Verfall der römischen. Um so interessanter ist es zu sehen, dass eine Art oderwenigstens eine verwandte Schrift sich in Gegenden vorfindet, die benachbart waren zuGegenden, woher wir die Einwanderungen nach Norden herleiten. Obgleich dieseSchrift in mehreren Hinsichten mit nordischen Runen Ähnlichkeit hat, so ist doch Verschie-denheit dabei, und es befinden sich Charaktere darin, die nicht bei uns Vorkommen.

«Ich wage keine Deutung; aber was wissen wir über Schriften, die von Natio-nen gebraucht wurden, die Länder bewohnten, welche gegen Norden an das byzantinischeReich grenzten und nach einander vom vierten bis eilften Jahrhundert nach Christus diesebesassen. Wenn wir Ulphilas gothische Schrift ausnehmen, kenne ich sehr wenig, und freue