36 Eingang zur griechischen Philosophie.
Ursachen getrennt waren. E6 darf uns also auch nicktüberraschen, wenn die philosophischen Meinungen jener alter-grauen Zeiten nur vage Muthmaßungen und scheinbare Analo-gien, nicht aber solche Bernnnftgrnnde sind, die eine strengeUntersuchung vertragen. Aristoteles ') sagt mit viel Wahrschein-lichkeit, daß die Lehre des Thales, nach welcher das Wasser dasElement des Universums sey, aus der offenbaren Nothwendigkeitder Feuchtigkeit für das Leben aller Thiere und Pflanzen ent-sprungen sey. Aber diese schwankenden Analysen von so dunklenund unbestimmten Doctrinen des Alterthums können nur vonsehr geringem Einfluß auf den eigentlichen Gegenstand unsererGeschichte seyn.
Einen deutlicheren Anfang der wahren Art, Gegenständeder Natur zu untersuchen, findet man in den enger begrenztenund mehr bestimmten Beispielen von einzelnen Erscheinungendieser Natur. Eine der interessantesten derselben ist vielleichtdie Untersuchung, die uns Herodot über die Ursachen derjährlichen Ueberschwemmiing des Nils mitgetheilt hat. „Was„die Natur dieses Flusses betrifft, sagt er, so konnte ich darüber„weder vsn den Priestern, noch von andern Menschen etwas„erfahren, so oft ich sie auch darum gefragt habe. Der Nil„wächst nahe hundert Tage und sein Wachsthum beginnt mit„dem Sommer-Solstitium; nach jener Zeit aber nimmt er wieder„ab, und bleibt dann, während den ganzen Winter, sehr klein.»Kein Aegyptier konnte mir aber etwas Befriedigendes über„diese Kraft sagen, durch welche der Nil in seiner Natur allen„andern Flüssen gerade entgegengesetzt ist."
Es scheint, Herodot fühlte in seinem griechischen Geisteetwas, was ihn antrieb, die Ursache dieser Erscheinung zu er-forschen, während dieses Etwas den ägyptischen Geistern fremdgeblieben ist. Die Aegyptier hatten offenbar keine Theorie diesesPhänomens, und fühlten auch kein Bedürfniß derselben. Nichtso seine griechischen Landsleute, die wohl ibre Ursachen hatten,aber, wie es scheint, keine solchen, die unsern Herodot befrie-digten. »Einige Griechen, fährt er fort, die gern für große»Philosophen gelten mochten, haben drei Wege eingeschlagen,
i) Metaphysik l. 3.s) Herodot II. 19.