Buch 
Paris im Jahre 1836 / [von Friedrich von Kölle]
Seite
59
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15 .

Lesecabinette.

Alle Welt liest in Paris, und wenn es mit demSchreiben bei den untern Classen nicht gerade erbaulichaussieht, was bei der verschiedenen Schriftbezeichnung des-selben Tones leicht begreiflich ist, so ist dagegen das Lesenungleich mehr verbreitet, als es zu Napoleons Zeiten war.Jeder Thürhüter entnimmt die Zeitungen seiner Schutz-befohlenen einen Augenblick dem leicht umgelegten Bande,um zu sehen, wie es in der Welt aussieht, der Cabriolet-kutscher erwartet seinen Herrn mit einem Buch in derHand, und in den Theatern sieht man zwischen den Actenso viele Zeitungen in den Handen der Zuschauer im Par-terre, daß dieses sich ausnimmt, wie ein Männerchor, wel-cher das Zeichen erwartet, ein musikalisches Riesenfest zubeginnen.

Sogar mitten im Lärm öffentlicher Gärten werdenüberall Zeitungen gelesen, und dieses nicht etwa nur, wenneine Haupt- und Staatsaction vorgefallen, oder die 5pCt.Rente in Gefahr ist, sondern in ruhigen gewöhnlichen Ta-gen. Jeder hat, wenn er es irgend vermag, sein Lieblings-journal zugleich mit dem Frühstück aufgetragen, und diegestimmte Literatur droht in der Tagespreise aufzugehen.

Daher sind die Lesecabinette für viele, welche keinebleibende Stätte in Paris, und nicht Geldes genug haben,ein theures Journal anzuschaffen, eine höchst willkommeneSache, Ihre Zahl ist sehr groß, ihre Physiognomie nachden Quartieren höchst charakteristisch verschieden; englischim Westquartiere, elegant-französisch im Palais ropal, kauf-