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Europäisches Staatensystem.
gestellt, und das Zusammenwirken der neuern Mechanik und Scheidckunsthat nicht wenig dazu beigetragen, daß Frankreichs Industrie in mancherBeziehung ihre Nebenbuhlerinnen überragt. — So ungefähr schildertCharles Dupin die Fortschritte, welche der französische Kunstfleiß seitdem Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts gemacht hat.
Im Jahre 1812 verarbeiteten die Wollcnmannfakturcn 35 MillionenKilogrammes inhcimische Wolle; gegenwärtig verbrauchen sie 42 Mill.Kilvgr. französische, und 32 Mill. Kilogr. ausländische Wolle. Es fehl-ten diesem Zweige der Industrie Hcerden, welche die lange und glänzendeWolle liefern, die zu den schönen, glatten Shawlgeweben nothwendig ist;Frankreich hat den Süden, den Orient und Occident in Tribut gesetzt,um dem andern Geschlecht diesen Putz zu verschaffen: Asien hat dietübetische Ziege geliefert, Afrika den nubischen Widder und das westlicheEuropa das Lciccster-Schaaf. Frankreich hat die Kunst erfunden, denfeinsten Vließ zu verarbeiten, und die Fabrikation des französischen Kasch-mir hat Muster geliefert, mit deren Nachahmung England sich begnügt,ohne die Hoffnung zu haben, sie übertreffen zu können.
In demselben Jahre 1812 verbrauchte Frankreich nur 18,362,088Kilogrammes Baumwolle; in der Gegenwart bedürfen seine Baumwollcn-Manufakturen 19 Mill. Kilogr. rohes Material, das man außerordent-lich fein zu spinnen, und aus dem Faden eine Menge von Geweben zufertigen gelernt hat, von denen man früher gar keinen Begriff hatte; —von den Bassins an bis zu den feinsten und doch so wohlfeilen Tülles,die gegenwärtig Lyon allein auf mehr als 280 Stühlen webt, und dieauch in Dünkirchen, Calais, Saint-Etienne, Sainl-Qucnnn, Liste, Roucnund zwanzig andern Städten fabricirt werden.
Keine andere Nation konnte mit den Franzosen in der Seiden-Ma-nufaktur wetteifern, und sie haben darin selbst die Gränzen überschritten,die von ihnen gesteckt worden waren. China besaß ausschließlich den Vor-theil, eine Seide herzustellen, deren glänzendes Weiß das Produkt allerArten von Cocons übertrifft, die im Occident bekannt sind; Frankreichhat die Raupe akklimatisirt, welche diese Seide im Orient hervorbringt,und bald bewunderte man die kostbaren Cröpc.Gewebe, die von den Chi-nesen nachgeahmt worden sind. Seit dem allgemeinen Frieden verkauftFrankreich an das üppige Asien Teppiche, die es Pcrsien und der Türkeinachgeahmt hat, und ein Gewebe bildet, das schöner als das Modell ist.Lyon ist der Hauptsitz der Seidenfabrikation, aber auch Paris hat seitder letzter» Zeit angefangen, in diesem Zweige der Industrie mit derKönigin des Rhone zu wetteifern.
Frankreichs Industrie in der Leinwand-Fabrikation hat, was diefeinern Arbeiten, Spitzenzwirn, Spitzen und Battist betrifft, seit langeeinen ausgezeichneten Ruf behauptet; und seit dem allgemeinen Friedenhat man die Damastmcöerei begonnen, die französische Manufakturisten,als Soldaten der Napoleonischen Kricgshccre nach Deütschland gekommen,in Sachsen und Schlesien erlernt haben. In der Fabrikation des ge-wöhnlichen Hausleineuö und des Segeltuchs, des Tauwcrks, ist mannoch zurück; ersteres muß Frankreich aus Deütschland, letztere Marine-Artikel aus Rußland beziehen.