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5 (1843) Zweiter Theil, enthaltend Frankreich, das britische Reich und das Russische Reich. Schweden und Norwegen, Dänemark, Belgien, die Niederlande, Portugal, Spanien, die Schweiz, Italien, Neapel und Sicilien, Sardinien, Kirchenstaat, Toscana, Parma, Modena, Lucca, San Marino und Griechenland / von Dr. Heinrich Berghaus
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Europäisches Staatensystem.

gepflegt wird. Minder bedeütcnd sind die Franzosen in den plastischenKünsten: weder die Skulptur noch die Architektur haben sich zur Selbst-ständigkeit erhoben, es sind nur Kopien italiänischer Muster, die man inFrankreichs Bild- und Bauwerken erkennt, sehr oft unkenntlich gewor-den, durch Überladungen in den geschmacklos gewählten Ornamenten.Wir sprechen hier nur von den Erscheinungen der letzten Jahrhunderte,nicht von den mittelalterlichen Denkmälern gotischer.Baukunst, derenFrankreich, besonders das nördliche, in sehr großer Menge und in großerErhabenheit auszuweisen hat. Die französische Gartenbaukunst aus demZeitalter Ludwigs XiV. ist wegen ihrer steifen, den Schönheitssinn inhohem Grabe beleidigenden Formen nur zu übel berüchtigt. Die Poesieeines Volks drückt seinen Karakter aus, und da der Karakter der Fran-zosen ein leichtfertiger ist, so ist auch ihre Poesie eine leichtfertige; keineLiteratur, weder die italiänische, noch die spanische, englische und deütschehat eine so große Masse der abscheülichsten, nichtswürdigsien und sittcn-verderbcndsten Dichtungen auszuweisen, als die französische Literatur;lüsterne Schilderungen, welche Geist und Gemüth entwürdigen, sind inFrankreichs poetischen und prosaischen Schriften gang und gilbe, sie sinddas karakteristische Merkmal der französischen schönen Literatur, die, imGanzen genommen, wenn mau absieht von der Form, eher eine unschöne,häßliche, als eine schöne genannt werden muß. Eben so leicht wie derKarakter der Franzosen ist auch ihre Musik, obwohl sie in vielen Fällenwohl geeignet ist. das Gemüth zu erheitern, wenn auch nicht zu erhe-ben. Die dramatische Kunst hat von jeher in Frankreich einer großenAusbildung genossen; der große Scharfsinn der Franzosen, ihr seinesUrtheil und die Gabe leichter Auffassung eignen sie ganz vorzüglich zuSchauspielern auf der Schaubühne wie auf der Redncrbühne der öffent-lichen Rhetorik, sowohl in geistlichen als politischen Vortragen. AlleVölker christlicher Gesittung erkennen in den Franzosen ihre Meister inder Tanzkunst au!

Wenden wir uns den Wissenschaften zu, so finden mir in manchenderselben, und namentlich in den exacten Wissenschaften, die eminentestenArbeiten, mit denen Frankreich das Gebiet der menschlichen Kenntnissebereichert hat. Strenge Mathematiker haben sich des Feldes der Natur-kunde bemächtigt und in allen Zweigen der Physik die wichtigsten Ent-deckungen gemacht, während die Geschichte der organischen wie der aller-gischen Naturkörpcr den Forschungen französischer Gelehrten die ausge-zeichnetsten Erfolge verdankt, was auch von den medicinischen Wissen-schaften angeführt werden muß. Durch die Bemühungen anderer Gelehrtenist die christliche Welt seit dem letzten halben Jahrhundert, vorzüglich vonFrankreich aus, mit den Literaturen des Morgenlandes, mit den ältestenGeschichten der Völker des Orients bekannt geworden, und Paris ist jetztdie hauptsächlichste der hohen Schulen, wo das Studium der mvrgenlän-dischen Sprachen mit größerm Erfolg, als irgend anderswo, betriebenwerden kann. Die daselbst bestehende Asiatische Gesellschaft dient diesemStudium zum Stützpunkt. Die klassische Philologie dagegen liegt inFrankreich sehr im Argen. Französische Philosophie und Theologie vomStandpunkte deutscher Gesinnung beurtheilen zu wollen, wogte zu einem