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Europäisches Staatensystem.
unter dem Namen Karl V. den Thron bestieg, gilt als ein Muster derKönige; man nennt ihn den Weisen. Sein Heerführer Dngnesclin, dieZierde der französischen Chcvalerie, eroberte alle Länder wieder, dieKönig Johann durch den Vertrag von Brcligny abgetreten hatte. Unterdieser Regierung brach das große occidcntalische Schisma aus, bei demKarl sich für den Papst Clemens erklärte: auch geschah es damals, daßEduard lU. in England die französische Sprache abschaffte, die seit derEroberung bei allen öffentlichen Verhandlungen im Gebrauch gewesenwar. Karl V. liebte Wissenschaften und Künste, und er war es, derden ersten Grund zur königlichen Bibliothek in Paris legte. Karl VI.war erst zwölf Jahre alt, als sein Vater, IZ8Ü, mit Tod abging. Wäh-rend der ganzen Dauer seiner Regierung wechselte der Hof beständig seinAnsehen, und die öffentliche Wohlfahrt wurde im Verlauf der Regent-schaft dem Ehrgeize der Oheime des Königs, so wie den Anmaßungendes Papstes Clemens Vil. geopfert. Die Regierung Karls Vl. dauertenicht lange; der König fiel durch wiederholtes heftiges Erschrecken ineine Verstandeszerrüttung, welche abermals eine Regentschaft nöthigmachte. Die Ermordung des Herzogs von Orlsans durch den Herzogvon Burgund brachte den Bürgerkrieg zum Ansbrnch, den Heinrich V.von England benutzte, um »ach Frankreich überzusetzen, wo er, in Folgeder Schlacht von Azincourt schnelle Fortschritte machte; endlich wurde inTrotzes der Friede geschlossen, vermöge dessen Heinrich Karls Vl. Schwie-gersohn und Erbe sein sollte; allein Kar! überlebte ihn zwei Monate.
Dessen Sohn, Karl VlI. , der in Pviticrs, 1422, gekrönt wurde,hatte innere und aüßere Feinde zu bekämpfen, Mit Ausnahme Languc-docs, des Dauphin«, des Berry, Pvitou, der Saintonge, der Touraineund des Orlsanais war ganz Frankreich in den Händen der Engländer,die es durch den Herzog von Bcdford, den Bruder Heinrichs V., wäh-rend der Minderjährigkeit Heinrichs VI. verwalten ließen. König Karlvergaß seine Pflichten im Schooß von Vergnügungen aller Art; GrafDunois, der für ihn focht, wurde in Orlvans belagert; und fiel dieseStadt in die Hände der Engländer, so war das Schicksal der Monarchieentschieden. Da erschien ein einfaches Landmädchen, Jcanne d'Arc, zurRettung; sie entsetzte Orlsans und führte den König zur Krönung nachRheims, 17. Juli 1429. Später gefangen genommen, wurde die Jung-frau von Orlsans von den Engländern als Zauberin und Ketzerin leben-dig verbrannt, zu Rouen, 3V. Mai 1431. Karl VII. fuhr fort, dieEngländer zu schlagen, er trieb sie aus der Normandie, die nun fürimmer mit der französischen Monarchie vereinigt wurde, eroberte dieGuienne, ihr altes Besitzthum, und verjagte sie ganz aus Frankreich,im Jahre 1451; nur vie Stadt Calais und die Normaudischen Inselnverblieben ihnen noch. Karl starb 1461 und hinterließ das mächtiggewordene Reich seinem Sohne Ludwig XI., dessen Andenken durch Be-trug, durch Ungerechtigkeiten und durch Grausamkeiten aller Art geschän-det worden ist. Karl der Furchtsame, Herzog von Burgund, war feingcfürchteter Gegner; als aber dieser Fürst im Jahre 1477 ohne männ-liche Nachkommen starb, vereinigte Ludwig dieses Herzvgthum mit derfranzösischen Krone, trotz der Ansprüche, welche Maximilian von Öfter-