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5 (1843) Zweiter Theil, enthaltend Frankreich, das britische Reich und das Russische Reich. Schweden und Norwegen, Dänemark, Belgien, die Niederlande, Portugal, Spanien, die Schweiz, Italien, Neapel und Sicilien, Sardinien, Kirchenstaat, Toscana, Parma, Modena, Lucca, San Marino und Griechenland / von Dr. Heinrich Berghaus
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Europäisches Staatensystem.

langer Kampf mit dem deütschen Reiche, mit Spanien und Holland wurde1778 durch den Frieden von Nimwegen beendigt, in welchem Frankreicheinen großen Theil von Flandern, die Franchc-Comts und die InselGoröe erwarb; um dieselbe Zeit kolonisirten Franzosen die westindischeInsel St. Martin. Zwei Jahre später sprach man dem Könige auf demPariser Stadthause den Beiname»der Große« zu. Die Besetzung vonStraßburg im Jahre 1681, der Ankauf von Casal, so wie die Ansprücheauf Alost schienen geeignet zu sein, die Ruhe Eürvpa's zu beeinträchti-gen. Frankreichs Marine bestand damals aus mehr als 10V Linien-schiffen und über 60,000 Matrosen; es wurden die Kriegshäfen Toulonund Brest gegründet; man erfand die Bvmbenschiffe, mit denen Frank-reich zwei Mal das Sccraübernest Algier strafte, und bald darauf auchGenua, das dem Piratenvolke Vorschub geleistet hatte; Frankreich ließum diese Zeit mehr als hundert Citadellen erbauen. Aber gleichzeitig,daß sich die überseeischen Kolonien mit New-Orl«ans und Louisiana ver-mehrten, bewirkte die Widerrufung des Edikts von Nantes die Aus-wanderung einer halben Million Protestanten, 1685. Die ganze Regic-rungszeit Ludwigs XlV. ist durch Einen, fast ununterbrochenen Kriegkarakterisirt, in Folge dessen, durch den Ütrechtcr Frieden, 1713, Nova-Scotia und die Insel St. Christoph an die Engländer verloren ging,während 1707 das Nivernais mit der Krone vereinigt worden war undFranzosen sich auf Jle dc France oder Mauritius, und auf Cap-Brctvn,damals Jle-Rvpale genannt, niedergelassen hatten. Ludwig XlV. starbam 1. September I7l5 nach einer 72jährigen Regierung. »Bei allerVerdunklung des frühern Regierungsglanzcs Lurch spätere Unfälle undSünden, hat Ludwig XlV. doch einen unverwelklichen Ruhm sich erwor-ben, und durch ein unzerstörbares Denkmal seine Rcgicrungsperiode undseine Nation verherrlicht, durch Werke der Kunst und Wissenschaft,die er eifrig nnd liebend hervorrief oder beförderte. Noch lag, unge-achtet vieler glücklichen Eroberungen, welche seit dem Wiedererwachen derGeistesthätigkeit im Reiche des Wissens gemacht waren, auf den meistenGebieten desselben Nacht. Pedanterei, Wortkram, Aberglaube und Mönchs-geist beherrschten die Schulen; und nur langsam, mühevoll, von nurWenigen gepflegt, dagegen vielfach angefeindet, schritt das Licht voran.Noch war die Masse der Nationen fast unempfänglich für dessen Reiz,oder auch ausgeschlossen von dessen Mittheilung durch die großenthcilsfortdauernde Herrschaft der gelehrten Sprachen in Schulen und Schrif-ten. Aber auch wo die Lehren bereits in den Landessprachen erklan-gen, schreckten sie ab durch Ernst und Trockenheit. Sie blieben Eigen-thum und Liebe nur Weniger. Au der Hand des Geschmacks, imGewand der gefeilten, wohlgefälligen Rede, als gcistcrguickcnde, einschmei-chelnde Unterhaltung, fanden sie Eingang bei Vielen. Ludwigs XIV.glanzvolle Regierung, seine prächtige Hofhaltung, seine Freigebigkeit, dannder Anstoß, welchen einzelne hierdurch geweckte Geister vielen verwandtenGeistern gaben, machten Frankreich wunderschncll zum klassischen Bodendes Genies, und seine Sprache zum Organ der geistigen Genüsse undder geistigen Mittheilung unter allen gebildeten Völkern Eüropa'sch(Rottcck, Weltgcsch. Uk., 300.)