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Die Wandgemälde von S. Angelo in Formis / Franz Xaver Kraus
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DIE WANDGEMÄLDE VON S. ANGELO IN FORM1S

Weder das Malerbuch noch das »Dies irae« geben dieser einen Sibylle einenNamen. Schulz erwähnt die unsrige gar nicht (S. 178), Salazaro giebt ohne weitereBemerkung »la Sibilla Persica« an; ich kann von der die Figur begleitenden Bei-schrift kaum ein.CA entziffern. Von den in späteren Darstellungen den

Sibyllen beigegebenen Attributen (die persische hält da eine Laterne) x ) findet sichhier nichts.

Wenn wir hier in S. Angelo zum ersten Male einer Sibylle begegnen, so findenwir sie zugleich zum ersten Male mit den Propheten \usammengestellt , denen dieSibyllen seit dem XII Jahrhundert regelmäfsig beigesellt bezw. gegenüber gestellt zuwerden pflegen: eine Anordnung, von der uns in Deutschland die goldene Pfortezu Freiburg das früheste, die Chorstühle des Ulmer Domes (14681474) das reichsteBeispiel zeigen, während Italien, von dem Campanile zu Florenz und GhibertisBronzethüren an, zahlreiche Vorstellungen dieser Art besitzt, unter denen diejenigenMichelangelos und Raffaels die berühmtesten sind. Man sieht auch hier, wieErsterer, als er die Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle schuf, sich hinsichtlichder Sujets noch ganz im Rahmen der Überlieferung bewegte.

Gehen wir zu den über den Arkaden an den Hochwänden des Mittelschiffesgeordneten Wandmalereien über, so muss zunächst bemerkt werden, dass von dendrei Horizontalfeldern, welche die beiden Wände schmückten, an der Südseite nurmehr eines erhalten ist; an der Nordseite hat das mittlere Feld besonders gelitten,so dass nur mehr die Hälfte seiner Abteilungen zu erkennen ist. Wie in Reichenau,sind den einzelnen Scenen lateinische Beischriften, und zwar in leoninischen Versen,beigegeben: leider sind nur wenige derselben zu lesen gewesen.

Die Inschriften sind, genau wie in der Oberzelle, mit w^eifser Farbe auf demroten oder braunen Untergrund aufgetragen.

Der untere Horizontalstreifen der südlichen Hochwand bietet sieben Scenen,welche, vom Chor her, sich also folgen.

1. Besuch Christi bei Zachäus (Luc. 19, 4). Der Princeps Publicanorum sitzt,als ein kleines Männchen (wy.Ay.oau.og sagt das Malerbuch S. 194) geschildert, auf derSykomore rechts, von welcher uns Türme und Stadtmauern die Andeutung vonJericho geben. Man vergleiche für diese Architektur, wie die folgenden, dieaufserordentliche Übereinstimmung mit den Reichenauer Architekturen auf meinenTafeln IVX. Der Herr tritt, gefolgt von einem halben Dutzend Jüngern, mit zumSegen erhobener Hand auf Zachäus zu. Über den Typus des Christusbildes wirdunten das Nötige zu sagen sein.

2. Christus mit der Samariterin am Brunnen (Joh. 4, 739). Der Herr sitztnicht, wie in der betreffenden Scene im Cod. Egberti (Taf. XXXVI) auf einem Hügel,sondern auf einer Weltkugel; hinter ihm stehen auf beiden Darstellungen einigeJünger. Der Brunnen ist in beiden Fällen, wie einer der noch in Italien üblichen,bis zu halber Manneshöhe über die Erde emporragenden Pozzi geschildert; hieraber nicht, wie zu Reichenau, als eine aufgemauerte cylindrische Umfassung, sondernähnlich einem antiken kannelierten Marmortrog Schulz meint, wie die altenpompejanischen Terrakottabrunnen. Die Samaritanerin tritt mit einer Vase in denHänden also abweichend von den Angaben des Malerbuches an den Herrnheran. Mit Recht macht Schulz auf die Beobachtung der Natur (man beachte dieschöne Haltung des Weibes) und die antiken Reminiscenzen in diesem Bilde aufmerksam.

l ) Malerbuch, D. Ausg., S. 167.