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6 (1844) Das amerikanische Staatensystem, das mohammedanische Staatensystem, die christlichen Staaten von Abyssinien, das buddhaistische Staatensystem und die Heidenwelt : nach den geographisch-statistischen Hauptverhältnissen / von Dr. Heinrich Berghaus
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92
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Mohammedanisches Staatensystem.

sie galt bei ihnen für ein niedriges und schändliches Laster. Wie ent-artet sind nicht ihre Abkömmlinge! Die heütigen Perser sind daö lüg-nerischste' Volk der Erde. Die Kinder sind gewohnt sich zu verstellen,bei jeder Frage und jedem Dvrwurf unverschämt zu antworten und sichdurch Ausflüchte aus der Schlinge zu ziehen. Jede Lüge ist bei ihnentadellos, wenn sie Nutzen daraus ziehen. Unsere Wahrheitsliebe undAbscheu vor der Lüge erweckt ihr Erstaunen. Eine Person vvm erstenRange am persischen Hofe bezeugte eines Tages ihr Erstaunen einemfranzösischen Agenten mit den Worten: »Warum soll mau nicht einwenig Lügen in die Geschäfte mischen, das Gegentheil scheint mir unmög-lich; ich begreife nicht, wie die Geschäfte gehen könne», ohne daß manlügt," und setzte dann mit leiser Stimme hinzu: „Die Wahrheit hataber doch auch ihr Verdienst, und wir, die wir fünfhundert Mal desTages lügen, kommen deshalb nicht schneller vorwärts." Geschickt undarglistig, fürchtet sich der Perser nicht, seine Verbindlichkeiten zu brechen.Wenn er sein Wort hält, so geschieht es nur, weil ihm das Gegentheilunmöglich ist. Er verschmäht kein Mittel, um sich der Erfüllung seinesWortes zu entziehen. Leicht findet er falsche Zeügen, die ihm in schwe-ren Geschäften helfen. Diese Leüte sind noch viel gemeiner, als in derTürkei, und das ist viel gesagt; der Diebstabl, ein bei den Osmanenseltenes Laster, wird von den Persern haüfig begangen. Der Türke isthabsüchtig, er liebt das Geld, und gleicht hierin nur andern Nationen;der Perser treibt diese Leidenschaft aus den höchsten Grad. Man kauftin Persien den geringsten Dienst nur nach Gvldgewicht. In Persienunterscheiden sich die Großen vom Pöbel durch unverschämtere Habsuchtund gehässigeren Geiz. Man erscheint nie vor einem Höheren, ohne ihmein Geschenk zu bringen, besonders wenn man seines Schutzes bedarf.Der Perser ist von dieser Denkungeart so durchdrungen, daß ein Fremdernie in eine Hauptstadt kommt, ohne daß man ihn fragt, ob er demStatthalter etwas darzubringen habe. Die Hände des Persers, immeroffen zum Empfange, sind eö nie zum Geben; wenn er nicht anders kann,so beschränken sich seine Gaben auf Kleinigkeiten; er ruinirt sich nur inVersprechungen!

Derselbe französische Berichterstatter äußert sich über daö Verhältnißder Frauen so: — Die Perser, wie die Türken, kennen nicht das süßeGefühl der Liebe, das höchste Glück des gebildete» Menschen. Die Mei-sten betrachten die Frauen nur als zvllbare Sklaven ihrer Lüsten undihrer Launen, zur Fortpflanzung bestimmt. Die Verachtung hat dasMißtrauen erzeugt, vvm Mißtrauen wird die Eifersucht unterhalten.Die Frauen gehen nur ganz verschleiert, ja vermummter aus, als dietürkischen. In ihren Gemächern, dem Harem, empfangen sie ihre innigesFreündinnen, und sehen öfters Tage lang nicht ihren Gemahl, dem si*dann das Essen auf den Saal schicken. Die Spaziergänge, das Bad, d»eMusik, der Tanz, daö Spiel sind die Vergnügen der unter sich zum an-genehmen Zeitvertreib versammelten Frauen des Morgenlandes.erfreüen sich der Gesellschaft der männlichen Verwandten ihres Vaters,ihres Gemahls und einiger alter Nachbarn. Die Ruhe liebend, beschäf-tigen sie sich viel mit ihrem Hauswesen; sie üben im Innern eine des-potische Herrschaft aus, so daß der Mann ohne ihre Zustimmung keinesDienstboten entlassen durfte. Auch haben sie über ihre Kinder sehr großGewalt; ihnen ist die ganze Erziehung derselben anvertraut, und dasRecht, sie zu vermählen, eingeräumt. Es scheint, als ob Gesetz