GRIECHISCHE ORNAMENTE.
dass ein höchst verfeinerter Geschmack bei den Griechen allgegenwärtig gewesen sein müsse, und dass dasLand überschwänglich voll von Künstlern war, deren fähiger Geist und geübte Hand es ihnen möglichmachte, diese herrlichen Ornamente mit unfehlbarer Wahrheit auszuführen.
Es fehlte jedoch den griechischen Ornamenten ein grosser Reiz, der mit den Ornamenten untrennbarverbunden sein sollte, nämlich die symbolische Bedeutung. Sie waren ohne Sinn, rein decorativ, unterkeinen Umständen repräsentativ, und sind kaum constructiv zu nennen: denn die verschiedenen Gliedereines griechischen Denkmals stellen bloss vortrefflich entworfene, zum Empfang der Ornamente höchstgeeignete Oberflächen dar, die auch immer, in früherer Zeit mit gemalten, und nachher mit geschnitztenund gemalten Verzierungen bedeckt wurden. Das Ornament bildete keinen Theil der Construction, wiedas bei den Aegyptern der Fall war, ja, man konnte es ganz entfernen, ohne die Construction wesentlichdadurch zu verändern. Das Ornament des korinthischen Kapitäls ist nicht construirt, sondern bloss aufge-legt ; dem ist nicht so beim ägyptischen Kapitäl: da merkt man, dass das Kapitäl selbst das Ornamentausmacht, — einen Theil davon entfernen, liiesse das Ganze zerstören.
So sehr wir auch die ausserordentliche, ja, fast göttliche Vollkommenheit der Sculptur an den griechischenMonumenten bewundern mögen, so müssen wir doch zugeben, dass die Griechen, in der Anwendung dersel-ben, oft die gehörigen Schranken der Ornamentation überschritten. Der Fries des Parthenon wurde so weitaus dem Bereich des Auges gestellt, dass er nur wie ein geometrischer Abriss erschien: die Schönheitendesselben, die, aus der Nähe gesehen, uns mit Staunen fül en, konnten in der Entfernung keinen weiternWerth besitzen, als insofern sie ein Zeugniss der hohen Kunstverehrung der Griechen ablegten, die sichmit dem Bewusstsein der vorhandenen Vollkommenheit begnügten, obwohl sie sie nicht wahrzunehmen ver-mochten. Wir aber können nicht umhin, solches als einen Missbrauch der Mittel zu betrachten, undglauben, dass die Griechen in dieser Beziehung den Aegyptern nachstehen, deren incavo Relief uns fürmonumentale Sculptur viel angemessener scheint.
Muster der repräsentativen Ornamente giebt es nur wenige, mit Ausnahme der Wellenverzierung unddes, in den Gemälden zur Unterscheidung des Wassers vom Lande gebrauchten Mäanders; und aussereinigen conventionellen Darstellungen von Bäumen, No. 12, Tafel XXL, besitzen wir nur weniges das diesenNamen verdient, hingegen bieten uns die decorativen Ornamente der griechischen und etruskischen Vasen,reichliche Materialien dar, und da die gemalten Ornamente aller bis jetzt entdeckten Tempel sich auf keineWeise von diesen unterscheiden, so unterliegt es keinem Zweifel, dass wir mit all den Phasen der griechischenOrnamente bekannt sind. Die Typen sind wenige an der Zahl, gerade wie bei den Aegyptern, doch stehtdie conventioneile Darstellung der Griechen viel weiter von den Typen ab. In der wohlbekannten Geiss-blattverzierung äussert sich kein Bestreben der Nachahmung, sondern vielmehr eine Berücksichtigung des,dem Wachsthum der Blume zu Grunde liegenden Principiums; und wenn man die Vasenmalereien genaubetrachtet, ist man zu glauben versucht, dass die Blätter einer griechischenBlume erst unter dem Pinsel ihre verschiedenen Formen erhielten, je nach-dem die Hand des Künstlers nach oben oder nach unten gewendet war, und soder Gestalt des Blattes ein verschiedenes Gepräge aufdrückte; und dass diegeringe Aehnlichkeit dieser Verzierung mit dem Geissblatt erst nachherentdeckt wurde, ist viel wahrscheinlicher, als die Annahme, dass die natür-liche Blume dem Ornamente zum Modell gedient habe. < Auf Tafel XCIX. findet sich eine Darstellung desGeissblattes, aber die Aehnlichkeit ist höchst undeutlich. Doch ist es augenscheinlich, dass die Griechenin ihren Ornamenten, sich als genaue Beobachter der Natur bewiesen, und ohne copiren oder nachahmen zuwollen, verfuhren sie genau nach den Principien der Natur. Die drei grossen, allenthalben in der Naturgeoffenbarten Gesetze — die Strahlung vom Mutterstamme, die verhältnissmässige Eintheilung des Flächen-raumes, und die tangentenformige Krümmung der Linien — wurden immer von ihnen befolgt; und was unsmit Staunen füllt, ist die unfehlbare Vollkommenheit mit welcher diese Gesetze, im bescheidensten wie im
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