BYZANTINISCHE ORNAMENTE.
Sicilien, nur dazu dienen, den Einfluss der byzantinischen Kunst kund zu thun, ohne die wahre Beschaffen-heit derselben deutlich zu machen. Um diese Kunst vollkommen zu fassen, bedurften wir gerade das, wasdie Verwüstungen der Zeiten und die Kalktünchen der Muhammedaner uns entzogen hatten, nämlich einbyzantinisches Gebäude im grossen Masstabe während der Glanzperiode der byzantinischen Kunst errichtet.Dank den aufgeklärten Gesinnungen des jetzigen Sultans, wurde uns endlich diese lang vermisste Quelle derBelehrung eröffnet, und durch die Liberalität der preussischen Regierung der Welt bekannt gemacht, imprächtigen Werke des Herrn Salzenberg über die Kirchen und Gebäude des alten Byzantiums, ein Werk,dessen Studium wir allen Kunstliebhabern empfehlen, die einen graphischen Begriff von der wahrhaftbyzantinischen decorativen Kunst haben wollen.
Auf keine Kunst ist das Sprichwort, ex nihüo nihil fit, so anwendbar, als auf die decorative Kunst:und wir finden die Bestätigung desselben im byzantinischen Style, dessen eigenthümliche Charakterzüge ausdem Verein verschiedener Schulen entstanden, und wir wollen im Kurzen andeuten, welche Hauptursachenbei der Bildung desselben thätig gewesen seien.
Noch ehe der Sitz der Regierung des römischen Reichs, im Anfang des vierten Jahrhunderts, von Rom nach Bizanz verlegt worden war, befanden sich schon die Künste entweder auf der Stufe des Verfalls oderim Zustande der Umbildung. So unläugbar es auch ist, dass Rom seinen eigenthümlichen Kunststyl denzahlreichen, unter römischer Herrschaft stehenden Völkern mittheilte, so ist es andererseits ebenfalls gewiss,dass die halbschlägige Kunst der Provinzen mächtig auf den Mittelpunkt der Civilisation zurückwirkte,und schon zu Ende des dritten Jahrhunderts den verschwenderischen Verzierungsstyl modificirte, welcherdie prächtigen Bäder und die andern öffentlichen Gebäude Roms charakterisirte. Die Nothwendigkeit,welche Constantin zwang in Byzanz, dem neuen Sitz seiner Regierung, morgenländische Künstler undArbeiter bei seinen Werken anzustellen, bewirkte eine noch wesentlichere und bemerklichere Veränderungim hergebrachten Styl; und ohne Zweifel trugen alle benachbarten Nationen dazu bei, der neugebildetenSchule ihr eigenes Gepräge aufzudrucken, bis endlich die bunte Masse, unter der langen und für die Kunstso günstigen Regierung des ersten Justinian , in ein systematisches Ganzes verschmolzen wurde.
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Zu diesem Resultat hat der Einfluss der, unter der Regierung der Cäsaren in Kleinasien erbauetenTempel und Schauspielhäuser, erstaunlich viel beigetragen: man bemerkt in diesen Gebäuden schon dieTendenz, welche nachher die byzantinischen Ornamente charakterisirte, elliptisch gekrümmte Umrisse,scharfgespitzte Blätter, und dünnes ununterbrochenes Blattwerk in der Verzierung zu gebrauchen, und zwar
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