BYZANTINISCHE ORNAMENTE.
Die Ornamente der lezten Reihe auf derselben Tafel illustriren insbesondere den romanischen Styl(No. 27 und 36), und stellen die bei den nördlichen Völkern so beliebte verschlungene Verzierung dar,welche meistens auf einem einheimischen Typus gegründet ist; während No. 35 (St. Denis), uns eines derzahlreichen Beispiele darbietet, die den römischen Modellen nachgebildet worden sind. Der diesem Gegen-stand zu Grunde liegende Typus — welcher übrigens im romanischen Styl ganz häufig vorkommt — findetsich auf der römischen Säule zu Cussy, zwischen Dijon und Chalons-sur-Saone .
Wir sehen also, dass Rom , Syrien , Persien und manche andere Länder einen bildenden Einfluss auf denbyzantinischen Styl und die dazu gehörige Verzierung ausgeübt haben. Dieser Styl den wir in seiner ganzenVollkommenheit zur Zeit des Justinian finden, wirkte in seiner neuen systematischen Gestalt wieder auf diewestliche Welt zurück, und erlitt auf seiner Bahn gewisse Modificationen. Diese Modificationen, welche inder Religion, dem Kunstzustande und den Sitten der verschiedenen Länder ihren Ursprung hatten, verliehenihm oft einen specifischen Charakter und erzeugten in gewissen Fällen verwandte und doch verschiedeneOrnamentsstylarten in der keltischen, der angelsächsischen, der lombardischen und der arabischen Schule.Ohne uns auf die Frage einzulassen, ob byzantinische Arbeiter mehr oder weniger in Europa beschäftigtworden sind, können wir mit Gewissheit sagen, dass auf allen jenen frühem Arbeiten des mittlern unddes westlichen Europa’s , die unter der generischen Benennung ‘romanisch’ bekannt sind, der Charakter derbyzantinischen Schule stark eingeprägt ist.
Die rein byzantinischen Ornamente unterscheiden sich durch breitgezackte, scharfgespitzte Blätter, diein der Sculptur am Rande schräge geschnitten, durchgehends tief cannelirt, und an den verschiedenen Ent-stehungspunkten mit tiefen Löchern angebohrt sind. Das laufende Blattwerk ist gewöhnlich dünn undununterbrochen, wie in den Nummern 1, 14, 20, Tafel XXIX*. und Tafel XXIX. Die Grundfarbe, inMosaiken sowohl als Malereien, ist beinahe ohne Ausnahme Gold; dünne verschlungene Muster werden dengeometrischen Zeichnungen vorgezogen. Die Einschaltung thierischer oder anderer Figuren ist in derSculptur selten, und selbst in der Farbenmalerei nur auf heilige Gegenstände beschränkt, die überdies steifund conventionell ausgeführt sind; im Ganzen ist die Sculptur nur von untergeordneter Bedeutsamkeit.
Die romanischen Ornamente, im Gegentheil, verdanken ihren Effect grösstentheils der Sculptur: siezeichnen sich durch reichen Effect des Helldunkels aus, sind tief eingeschnitten, haben hervorragendemassive Ausläufe, und zahlreiche Figuren jeder Art, nebst Blattwerk und conventionellen Verzierungen.Anstatt Mosaiken findet man gewöhnlich Malerei, und Thierfiguren kommen in der Malerei eben so häufigals in der Sculptur vor, vide No. 26, Tafel XXIX*. Der Grund ist nicht mehr ausschliesslich goldfarbig,sondern blau, roth oder grün, vide No. 26, 28, 29, Tafel XXIX*. In anderer Hinsicht aber, einige Local-unterschiede abgerechnet, findet man vieles vom byzantinischen Charakter im romanischen Styl beibehalten ;und besonders in Glasmalereien erhielt sich dieser Charakter bis zur Mitte, ja sogar bis zum Schlüsse desdreizehnten Jahrhunderts.
Der Ornamentsstyl der geometrischen Mosaikarbeit gehört, besonders in Italien , ganz vorzüglich derromanischen Periode an; Tafel XXX. enthält zahlreiche Muster davon. Diese Kunst blühte vornehmlich imzwölften und im dreizehnten Jahrhundert und besteht darin, viereckige Stückchen Glas in eine verwickelteSerie von diagonalen Linien anzuordnen, deren Lauf, mittelst verschiedener Farben, bald gehemmt, bald inbestimmter Richtung entwickelt wird. Die Muster vom mittlern Italien , No. 7, 9, 11, 27, 31, sind vieleinfacher als die von den südlichen Provinzen und Sicilien, wo die sarazenischen Künstler ihre angeborneVorliebe zu verwickelten Motiven eingeführt hatten, wie man aus den gar nicht ungewöhnlichen MusternNo. 1,5, 33 von Monreale , bei Palermo , ersehen kann. Es muss hier bemerkt werden, dass in Sicilien zweiStylarten zugleich herrschten: nämlich der eben erwähnte Styl, der aus verschlungenen Diagonallinienbesteht, und von vorzüglich maurischem Charakter ist, wie es Tafel XXXIX. beweist; der andere Stylbesteht aus verschlungenen gekrümmten Linien, No. 33, 34, 35, ebenfalls von Monreale , in welchem man,wenn nicht die Hand, doch wenigstens den Einfluss byzantinischer Künstler erkennt. Verschieden an
53
p