Band 
Erster Theil.
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bedürfte. Aber wir glauben der Wahrheit doch naher zusein, wenn wir annehmen, daß die Kraft, sich auch in denAugenblicken der heftigsten Gemüthsbewegung dem Ver-stände noch zu unterwerfen, welche wir die Selbstbe-herrschung nennen, in dem Gemüthe selbst ihren Sitzhat. Es ist nämlich ein anderes Gefühl, was in starkenGemüthern der aufgeregten Leidenschaft das Gleichgewichthält, ohne sie zu vernichten, und durch dieses Gleichgewichtwird dem Verstände erst die Herrschaft gesichert. DiesesGegengewicht ist nichts Anderes, als das Gefühl der Men-schenwürde; dieser edelste Stolz, dieses innerste Seelcn-bedürfniß: überall als ein mit Einsicht und Ver-stand begabtes Wesen zu wirken. Wir würden da-rum sagen: ein starkes Gemüth ist ein solches, welchesauch bei den heftigsten Regungen nicht aus demGleichgewicht kömmt.

Werfen wir einen Blick auf die Verschicdcnartigkcitder Menschen in Beziehung auf das Gemüth, so findenwir erstens solche, die sehr wenig Regsamkeit besitzen, unddie wir phlegmatisch oder indolent nennen.

Zweitens, sehr Regsame, deren Gefühle aber nie einegewisse Stärke überschreiten, und die wir als gefühlvolle,aber ruhige Menschen kennen.

Drittens, sehr Reizbare, deren Gefühle sich schnellund heftig wie Pulver entzünden, aber nicht dauernd sind;endlich viertens, solche, die durch kleine Veranlassungennicht in Bewegung zu bringen sind, und die überhaupt nichtschnell, sondern nach und nach in Bewegung kommen, de-ren Gefühle aber eine große Gewalt annehmen, und vieldauernder sind. Dies sind die Menschen mit energischen,tief und versteckt liegenden Leidenschaften.