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2 (1847) Fünfzehn Friedensjahre. Aufenthalt in Russland, Rückkehr 1830. Feldmarschall Graf Gneisenau und General der Infanterie von Grolman. Die Citadelle von Antwerpen vom October 1830 bis Ende 1832. Aufenthalt in Holland / von Wilhelm von Rahden
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ruhender Tempel als Triumph- und Ehrenpforte errichtet war. Vielleichthundert Schritt zur Seite derselben befand sich eine interimistische Lauf-brücke, um den Zudrang des Volkes zu theilen. Hundertundzwanzig inWeiß und Blau, den baierischcn Farben, gekleidete Mädchen, unter derElite der Jugend und Schönheit Berlins ausgewählt, harrten hier schn-suchtsvoll der Ankunft der gefeierten Prinzessin. Sehnsuchtsvoll! dennnicht allein, daß die Herzen der Kommenden entgegen schlugen, es frorenauch die armen Kinder ganz gewaltig. Es war ein so rauher und nebel-feuchter Novembertag, daß, wenn auch aus väterlicher Fürsorge die liebli-chen Töchter in dichte wollene Stoffe eingekleidet waren, weshalb auch derimmer muntere Sinn der Berliner nur von den hundertundzwanzig Me-rinos witzelte, dennoch, trotz Wolle und herrlicher Musik, die Harrendenzitterten. Zwei Musikchöre spielten fast unausgesetzt die damals sehebeliebten Weber'schen Compositionen aus der Preciosa, wie sanfte undschmeichelnde Wcstlüftchen säuselnd, doch die armen Mädchen klapperten,wie bemerkt, mit den Zähnen dazu.

Im nahen Commandantenhause war jedoch eine Privat-Restaurationzur Erwärmung der Musicirenden und Klappernden angelegt worden.

Ich hatte mich, in Gesellschaft von einem halben Dutzend gleichge-sinnterKameraden,zu sehen was nur möglich war", bis dicht an denTempel hervorgcdrängt; die erwärmende Collation durften wir aber nurvon außen beobachten. Alle Fenster der nahen Gebäude, namentlich desgrandiosen Zeughauses, waren überfüllt von der schönsten lebenden Blu-mcnpracht, und auf den Dächern wimmelte die Menschheit; rechts undlinks begrenzten Estraden und Schaugerüste, unter der Ucberfülle vonNeugierigen seufzend, den Focus, d. h. den Brennpunkt des öffentlichenFestes, nämlich die ehemalige Hundebrücke. Und doch war es gerade hierso gräßlich kalt und zugig. Endlich zieht der goldene Wagen, mit sei-nen großen Spicgelglasfcnstern an allen Seiten, welche die liebliche baie-rischc Königstochter unsern gierigen Blicken im schönsten blendenden Braut-schmuck sehen ließen, langsam heran und hält am Eingänge des EhreN-tempels. Die Gefühle der Liebe und Verehrung, von welchen eben dieAuserwähltc von hundertundzwanzig halb erstarrten Mädchen sprach, moch-ten gewiß tief im Herzen und im reinsten Feuer glühen, aber die Gesicht