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dienen müssen und die fortlaufenden Systeme sind nichts weiter,als die Ansätze oder die verschiedenen Stufen, auf denen derGeist darnach strebt und ringt, die Tiefen des Geistes und derNatur in begrifflicher Weise zu erfassen. Hat also die Spécula-tion die Aufgabe, sich in die Wahrheit zu vertiefen, und dieGegensätze zu vermitteln, um diese auf ein bestimmtes Principzurückzuführen, hat sie die Aufgabe, das Verhältniss des Geisteszur Natur und das Verhältniss des Geistes und der Natur zumAbsoluten zu erfassen, so muss sie sich in das Reich der ewigenIdeen erheben. — Das Bedürfnis nach Erfassung speculativerErkenntniss ist immer um so lebendiger in einer Zeit gewesen,je mehr eine solche Periode von der Begeisterung grosser Ideengetragen wurde und je productiver ein Stadium der Entwicklungwar, um so mehr hat auch in ihm die Spéculation geblüht.Daher der Indifferentismus gegen die Spéculation stets als einekrankhafte Erscheinung der Zeit bezeichnet werden muss.
Nachdem die Wissenschaft im Mittelalter wie alle Effulgu-rationen der geistigen Strömung einzig und allein der Kirchedienten, so hatte die damalige Spéculation, nemlieh die Scholastik,sich die Aufgabe gestellt, zwischen dem Dogma und dem wissen-schaftlichen Bewusstsein vermittelst logischer Formen eine Ver-ständigung zu erzielen. Wie äusserlich auch dieser Process inder Vermittelung zwischen Glauben und Wissen geführt wurde,so war er doch in so weit von grosser Bedeutung, als sich hierschon die ersten Anfänge einer Selbstbetätigung des Geistesaussprachen, wenn auch noch in den ersten Perioden ganz undgar von der Auctorität der Kirche beherrscht.
Diese geistige Richtung der mittelalterlichen Spéculation warin ihrem Gange mehr auf das Aeussere als das Innere gerichtet,weil es sich vorzugsweise um die Rechtfertigung des Dogma’sauf logischem Wege handelte, — eine Verstandes-Operation, diezuletzt in einen dem tieferen Zuge des Geistes widersprechendenFormalismus ausarten musste. Als der Formalismus den höchstenCulminationspunkt erreicht hatte, musste in der mittelalterlichenAnschauungsweise eine neue Evolution erfolgen.
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