4
Die Richtung, welche diesem Formalismus mit der tiefstenErhebung des Geistes und des Gemüthslebens entgegentrat, istdie Mystik. Wenn nun aber auch die Mystik sich zur Aufgabegestellt hat, dem Formalismus gegenüber die tiefsten Schwingungendes inneren Lebens zu entfalten, so war sie dennoch in ihrersubjectiven Auffassung bei aller Gluth der religiösen Begeisterungnicht geeignet, die Reformation zu erzeugen. Die Mystik wirktenur vorbereitend und gab den ersten Impuls zu der spätereintretenden Reformation. — Je mehr der Geist sich in dasneue durch die reformatorische Bewegung gegebene Princip ver-tiefte, um so mehr mussten Theologie und Spéculation einenanderen Charakter annehmen. — Die Spéculation, im Gegensätzezu dem Scholasticismus von dem subjectiven Princip getragen,begünstigte die Selbstbethätigung des Geistes und entfernte sichallwälig von der Verbindung mit der Kirche, um ungebundenvon aller äusseren Auctorität sich dem Fluge der Spéculationhinzugeben.
Wenn nun die eigene Selbstaffirmation ohne Assistenz dergöttlichen Wahrheit der treibende Factor der nach der Reforma-tion entstehenden Spéculation ward und in dieser subjectivenErhebung der Spéculation zwar die Ansätze des späteren Ratio-nalismus liegen, so müssen wir dennoch den Vorwurf als eineVerkennung des protestantischen Princips der Reformation be-zeichnen, wenn man diesen Charakterzug der neueren Spéculationeinzig und allein aus dem reformatorischen Principe ableitenwollte. Allerdings vertritt die Reformation das subjective Princip :darin liegt der Angelpunet ihrer tiefen Bedeutung. Sie hat pro-testirt gegen eine todte Auctorität; sie hat aber in dem Maasse,als sie mit dieser todten Auctorität brach, das Insichgehen desGeistes befördert und den Geist in seine innigste und tiefsteHeimath zurückgeführt. War es denn die natürliche Subjectivität,von der die Reformatoren sprachen? Die konnte es nicht sein,da ja nach der tiefen Auffassung der Reformatoren im Gegensatzgegen den Pelagianismus die natürliche Subjectivität mit der Sündebehaftet war. So war denn nach der Anschauung Luther’s hiervielmehr die mit dem rechtfertigenden Glauben erfüllte Subjec-