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Daher legt Böhme einen so scharfen Accent auf den Unterschiedder intelligenten und der nichtintelligenten Natur. Die letztere ist
Identitätsphilosophie erstanden, hätte Hegel den dialektischen Processnicht zum Mittelpunkte eines Systèmes und der gesummten Philosophiegemacht, nimmermehr hätte man den wahren Kern der Böhme’schenTheosophie entdeckt, und ihn für den Yerkünder einer deutschen Philo-sophie gehalten.“ Fechner weiss also nichts davon, dass Oetinger langevor Sehelling und Hegel Böhme’s Lehre von ihrer philosophischen oderspeeulativen Seite weit tiefer und gründlicher würdigte und erläuterte alsdiese beiden Philosophen, es ist ihm unbekannt, was Saint - Martin unge-fähr gleichzeitig mit Oetinger, aber unabhängig von ihm, über Böhmedachte und schrieb, er weiss nichts davon, dass Baader mit ganz unver-gleichbar grösserer Tiefe als Sehelling und Hegel nnd schon vor ihnenauf Böhme’s Theosophie hingewiesen hatte und er ist in seiner Unkundeder Tiefen unseres Theosophen ohne alle Ahnung davon, dass Böhme dieSysteme Schelling’s und Hegel’s, wenn er sie hätte erleben und verstehenkönnen, mit Entrüstung verworfen haben würde. Selbst jenes Stadiumder Schelling’sehen Philosophie (seit den Untersuchungen über das Wesender menschlichen Freiheit), in welchem Sehelling ohne ihn zu nennenBöhme nicht eigentlich folgt, sondern ihn verbessern und überbieten will,würde Böhme als eine Verderbung und Caricatur seiner Lehre von sichgewiesen haben. Wenn Fechner (1. c.) sagt: »in Böhme geht die Mystikin die Philosophie über «, so kann man dies wohl gelten lassen ; denn sohoch man auch Böhme stellen muss, so wird doch Niemand behauptenwollen, dass seine Darstellungs- und Entwiekelungsart den strengen For-derungen ächt philosophischer Methode entspreche, wiewohl er sich inmehren Schriften dem speeulativen Ausdrucke auf überraschende Weisenähert. Dass Hegel der Lehre Böhme’s zu sehr seinen eigenen geistigenCharakter einprägt, hat Fechner im Allgemeinen richtig erkannt. Auchrügt er mit Hecht, dass Hegel seiner Darstellung der Böhme’schen Lehrevorzugsweise die Aurora zum Grunde legte, was ungefähr auf dasselbehinauslänft, als wenn ein Kritiker oder Aesthetiker uns den DramatikerSchiller aus den Räubern erläutern wollte. Wenn ferner Fechner wenig-stens flüchtig der Darstellungen Ast’s, Sehwegler’s, Carriere’s, Ritter’s undNoack’s gedenkt, so muss man fragen, wesshalb er die Darstellungeneinerseits Feuerbach’s, andererseits Hamberger’s nicht erwähnt. Nament-lich Hamberger’s Werk: J. Böhme’s Leben und Lehre, durfte ihmschlechterdings nicht unbekannt bleiben. Uehrigens ist Fechner’s Schrift— als Beitrag zur Geschichte der neueren Philosophie äusserst schwach —verdienstvoll als kritische Untersuchung über die Quellen, aus wel-
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