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Die Langobarden.
Ilire ursprüngliche Heimat lag an der unteren Elbe: der Bardengau mitdem Hauptsitze Bardevich bei Lüneburg. Zur Zeit des Markomannenkriegeslösen sich einzelne Scharen vom Hauptstamm und gelangen bis auf dasrechte Donauufer, wo sie von den Römern geschlagen werden. Sie sind dieVorhut der späteren Massenbewegung nach dem Süden. Diese mag gegenEnde des 4. Jahrhunderts begonnen haben. Etwa ein Jahrhundert späterfinden wir die Langobarden an den nordwestlichen Karpathen und zwar alstributpflichtige Nachbarn der Heruler. Sie erringen sich im Kampfe gegen dieseihre Selbständigkeit (vergleiche „die Heruler“) und treten an deren Stelle inden Besitz des oberen Theifsgebietes (Anfang des 6. Jahrhunderts). Von hieraus wandern sie um 546 nach Pannonien. Sie waren gefährliche Nachbarnund unversöhnliche Feinde der Gepiden, deren Reich sie 567 mit Hilfe derAvaren stürzten. Im folgenden Jahre (568) brachen sie unter ihrem KönigAlboin nach Italien auf, warfen sich wie Räuber auf das Land und rissensoviel davon an sich, als ihnen gut dünkte, so dafs nicht unbedeutende Stückebei der Herrschaft des oströmischen Kaisers verblieben (vergleiche Text zuKarte 76). Der Autonomie der Langobarden und der Herrschaft ihres letztennationalen Königs Desiderius machte Karl der Grofse 774 ein Ende.
Die Angelsachsen.
Nördlich der Eider, etwa im heutigen Schleswig, safsen die Angeln,und an sie sich anschliefsend füllten die Jüten den Norden der Halbinsel.Aufserdem wohnten an der Westküste, besonders der von Schleswig, welchenoch heute Nordfriesland heifst, Friesen. Südlich der Eider erstreckten sichdie Sitze der Sachsen. Von diesen vier Stämmen gingen die kühnen Seezügeaus, über welche die römischen Schriftsteller des vierten und fünften Jahr-hunderts viel berichten. SämtliclieKüsten von Britannien südwärts bis nachSpanien wurden verheert. Es waren aufser Angeln und Sachsen auch Jüten anden Expeditionen beteiligt, welche seit c. 449 zu Ansiedelungen derselben in„England“ (d. i. Land der Angeln) führten. Die römische Provinz Britanniennämlich galt, seitdem im Beginn des fünften Jahrhunderts Gallien unaufhör-lich von germanischen Völkern überflutet wurde, für abgeschnitten und ver-blieb unter abtrünnigen Tyrannen oder Gegenkaisern. Diese Lage benutztendie im nördlichen Gebirgsland wohnenden Hochländer, welche sich unter demNamen Picti einten, zu einem Angriff auf das Provinzialland und liefsen dieihnen verwandten Scoti aus Hibernia (Irland) zum Beistand herüberkommen.Unter ihren Stöfsen erlag die römische Organisation des Landes; in deneinzelnen britischen Bezirken kamen Häuptlinge auf, welche zum Schutz gegendie Angriffe ihrer barbarischen Stammesgenossen die „Angelsachsen“ herbei-gerufen haben sollen. Wie es heilst, wurde den ersten Ankömmlingen, diedas Bruderpaar Hengist und Hors führte, die Insel Thanet eingeräumt, dasvon dem Flusse Stone in Kent gebildete Delta. Bald folgten ihnen mehrScharen nach; doch fällt erst nach 519 die Hauptauswanderung der Angelnund ihrer Genossen aus der jütischen Heimat; hier nahmen das entvölkerteGebiet die Dänen, ein Teil der nordischen Germanen, welche in der zweitenHälfte des sechsten Jahrhunderts von den Inseln herüberdrangen, in Besitz.Was von den Jüten zurückgeblieben, wurde vollständig danisiert; in geringererWeise geschah dies mit den Angeln, noch weniger mit den Friesen und Sachsen.
Staatenbildung beim Untergang des weströmischen Reiches.
Der Sturz des weströmischen Reiches erfolgte nicht durch einen An-griff von aufsen, sondern durch die innere Zerrüttung. Mit dem Todedes Kaisers Valentinian III (425—455) war der Mannesstamm Theodosiusdes Grofsen, nach dessen Tod (395) die definitive Scheidung des Ost- undWestreiches vollzogen worden, erloschen. In Italien folgte eine Zeit derschlimmsten Verwirrung. Alle Gewalt vereinigte sich in dem Sueben Rikimer,dem tapferen und gewissenlosen Oberfeldherrn der germanischen Hilfstruppen.Mit diesem kühnen Emporkömmling, welcher Kaiser sowohl stürzt wie er-hebt, in den Jahren 465—467 die Regierung allein führt und 472 seinenTod findet, fängt die Herrschaft des Söldnertums in Italien an. Auf diesLand samt der Provence war damals das Westreich fast allein beschränkt. Sohatte sich in Dalmatien der Befehlshaber Marcellinus, Heide seines Glaubens,461 unabhängig gemacht. Sein Neffe und Erbe Julius Nepos wurde vonOstrom zum Augustus des Abendlandes (474—475) ernannt, mufste sichaber schon 475 in sein damaltinisclies Fürstentum zurückziehen und hat hierbis 480 sein Leben gefristet. Es vertrieb ihn aus Italien ein Aufstand derbarbarischen Soldtruppen, welche unter dem Befehl des Orestes standen.Diesen hatte Julius Nepos an die Spitze des Heeres gerufen, welches durchHeruler, Rugier und die ihnen verwandten Skiren und Turkilinger, sowie eineMenge andrer Fremden gebildet war. Da diese Massen das Geschick Italiensentschieden, wollte sie Julius Nepos nach Gallien entfernen, bewirkte aber nur,dafs die Söldner ihn verjagten und dem Orestes die Krone anboten. Erschmückte mit derselben seinen unmündigen Sohn Romulus Augustus, gingaber nicht auf die Forderung der Barbaren ein, zum Lohne den dritten Teilvon Italien ihnen abzutreten. Da erhoben sich 476 dieselben, die in Odovakar,einem Offizier der kaiserlichen Leibgarde, ein geeignetes Haupt fanden, zurEmpörung, ermordeten Orestes und zwangen seinen Sohn abzudanken. Derrömische Senat mufste erklären, dafs das abendländische Kaisertum erloschensei, und mit unbestimmter Einwilligung von Ostrom regierte Odovakar, dendie Soldscharen zu ihrem Heerkönig erhoben hatten, in der Würde einesrömischen Patricius Italien. Seine Herrschaft erlag 493 den Ostgoten.
Die Verhältnisse des Abendlandes hatten zur Zeit des Odovakar folgendeGestalt gewonnen: In Dalmatien (Westillyrikum war bei der Reichsteilung395 an Westrom gekommen) behauptete sich bis zu seiner Ermordung 480der Exkaiser Julius Nepos unter Anerkennung von seiten Ostroms. Panno-nien war seit den Zeiten des Attila den Römern entfremdet; nach dem Todedes Hunnenherrschers hatten sich dort die Ostgoten angesiedelt, waren aberschon 474 nach Mösien abgezogen, wo sie Nachbarn der Gepiden blieben.Pannonien scheint darauf als ein wenig begehrenswerter Besitz der beliebigenOkkupation offen gestanden zu haben. Norikum bildete den Tummelplatzfür die Angriffe der Rugier u. s. w., so dafs Odovakar ungeachtet seinesSieges über diesen Stamm c. 488 Ufernorikum, d. h. den nördlichen Teil derProvinz, und damit zugleich den letzten Rest der oberen Donaulinie aufgab.Auch von Rhätien war der Norden und zwar an die Alamannen verloren ge-gangen. In Gallien teilten sich die Reiche der Burgunder (Südosten), derWestgoten (Südwesten) und der Franken (Norden). In der Mitte zwischenihnen behauptete sich ein letzter Rest des Römertums. Hier hatte durcheine Empörung gegen Rikimer der Statthalter Ägidius (Magister Equitumseit c. 456) eine eigene Herrschaft begründet und sie 464 seinem Sohne Sya-
grius hinterlassen. Dieser erlag 486 dem Frankenkönig Chlodovecli. Aufder westlichsten Halbinsel Galliens bestand noch um 450 der Armorika-Bundesstaat unter eigenen Fürsten in altkeltischer Weise. Hierhin siedelteein Teil der Bevölkerung aus Britannien über, als zu den Bedrängnissen durchdie Pikten und Skoten die Einwanderung der Angelsachsen trat; es gilt die„Bretagne“ seit dem 6. Jahrhundert für britisch. Spanien besafsen die West-goten, beziehentlich Sueben. Afrika samt Sardinien, Korsika u. s. w. unddem westlichsten Teile von Sicilien, der jedoch zwischen 485 und 488 anOdovakar verloren ging, gehörte den Vandalen. Über die meisten der germa-nischen Völker, welche sich auf römischen Boden sefshaft gemacht, ist oben imZusammenhang gehandelt worden. Es erübrigt nur über die Stämme im west-lichen Deutschland zu sprechen, welche ihre Sitze viel weniger verändert haben.
Die Thüringer.
Ihr Name kommt mit dem fünften Jahrhundert für den der Hermunduriauf, d. h. für die Bewohner der Sti'iche zwischen Harz, Werra, Rhön undElbe-Saale. Doch ist das Gebiet der Thüringer einerseits nach Norden er-weitert (durch den Abzug der Langobarden aus ihren Sitzen an der unterenElbe?), anderseits dehnte es sich im fünften Jahrhundert (nachdem sich imAnfang desselben die Burgunder westwärts gewendet?) weit nach Süden aus,so dafs es eine Zeitlang an die Donau grenzte. Es braucht aber diese süd-liche Ausdehnung des Thüringerreiches, das unter Königen stand und be-sonders nach der Zertrümmerung der Hunnenherrschaft einen mächtigenAufschwung genommen zu haben scheint, nicht eine Ausbreitung der thürin-gischen Bevölkerung zu bedeuten, sondern kann auf einer Unterwerfungstammfremder Gaue beruhen.
Die Sachsen und die Friesen.
Zuerst um 150 n. Chr. genannt, bezeichnet der Sachsenname einkleines Volk zwischen Eider und Elbe. Am Ende des dritten Jahrhundertsist er ausgedehnt auf die ganze Gruppe der Stämme an der Ems (mit Aus-schlufs des untersten Laufes), an der Weser und im Mündungsgebiet derElbe bis zur Eider. In die Vereinigung der Sachsen gingen die alten Angri-varii (Engern), Cherusci u. s. w. auf, und es ist bemerkenswert, dafs diesächsische Bevölkerung, wie sie von den Hauptereignissen der Völker-wanderung fast gar nicht berührt wurde, so auch an ihrem traditionellenSonderleben, an den ursprünglichen Sitten und Gebräuchen, an der freienUngebundenheit der Verfassung, die es niemals zu einem gemeinschaftlichenOberhaupte brachte, in der zähesten Weise festgehalten hat. Eine Erweiterungdes sächsischen Stammgebietes mufs die Auswanderung der Langobarden ausdem Bardengau herbeigeführt haben. Die Seezüge der Sachsen mit ihrenNachbarn, den Angeln und Jüten, sind oben behandelt worden.
Eine besondere Stammgruppe bilden die Friesen. Zu diesem Völkerbandvereinigten sich die eigentlichen Frisii, welche im ersten Jahrhundert n. Chr.im Norden der Rheinmündungen erwähnt werden, die Cliauci u. s. w. Esbewohnten die Friesen einen schmalen Streifen an der Küste vom Rhein-delta bis zur Wesermündung und — wenn auch wohl mehrfach durch Sachsenunterbrochen — nordwärts bis nach Jütland, so dafs ihre Sitze sich um denganzen Südrand der Nordsee herumzogen.
Die Alamannen.
Der Besitz des Dekumatenlandes, den sie (vergl. Seite 21) um 282 er-rangen, befriedigte die Alamannen nicht. Grofse Stücke der römischenProvinz Rhätien rissen sie zusammen mit den Juthungen an sich, welche ihrenöstlichen Flügel bilden. Der Name der letzteren wird 430 zum letzten Maleerwähnt und durch die Bezeichnung Suebi ersetzt. Ihre Nachkommen sinddie heutigen Schwaben im engeren Sinne, welche jetzt von ihren westlichenVerwandten ungefähr durch den Kamm des Schwarzwaldes geschiedenwerden. Auch nach Gallien drängten die Alamannen vor, und schon um dieMitte des vierten Jahrhunderts safsen alamannische Bauern auf dem linkenUfer des Rheins, betrachteten dies Neuland (Ali-sat = Fremdsitz; Elsafs)als gesichertes Eigentum. Da raffen sich die Römer noch einmal auf. Estreibt der Sieg des Julianus bei Strafsburg 357 die Alamannen vollständigaus dem Lande, und wenn auch mit Mühe, wird die Rheingrenze das vierteJahrhundert hindurch aufrecht erhalten. Als aber am Beginn des fünftenGallien durch die Scharen der Vandalen, Sueben und Alanen überflutetward, machten sich Alamannen dauernd am linken Ufer des Oberrheins sefs-haft. Dafs diese anfangs ebenso wie die Burgunder, welche sich zu gleicherZeit nördlich von ihnen um Worms herum angesiedelt hatten, die römischeOberhoheit anerkannten, ist nicht zu bezweifeln. Als 437 der Sturz des Bur-gunderreiches erfolgte und nach dem Tode des Valentinian III (455) dieallgemeine Verwirrung im Abendlande begann, fanden die Alamannen Ge-legenheit, ihr Gebiet mächtig zu erweitern. Das ist die Zeit des Höhepunktesder alamannisclien Macht. Sie reichte auf dem rechten Ufer des Rheinsmindestens bis zum Main, und auf dem linken erstreckte sie sich an der Moselbis nach Trier,(Treveri), westlich über die obere Maas und Seine hinaus.
Die Franken.
Der Völkerverband der Franken, deren Name um die Mitte des 3. Jahr-hunderts aufkommt, umfafste die nieder- und mittelrheinischen Gebiete deralten Batavi, Chamavi, Brukteri, Sugambri und Cliatti auf dem rechten Ufer. Vonhier setzten sie unaufhörlich nach Gallien hinüber, Ackerland oder Beute suchend.Doch erst im vierten Jahrhundert gelingt es ihnen, im nördlichen Gallien festenFufs zu fassen. Um die Mitte dieses Jahrhunderts existieren in gröfserem Um-fange Niederlassungen der fränkischen Bauernschaften, welche als foederatides Kaisers nominell unter römischer Hoheit standen, im Gebiet der Schelde undunteren Maas. Sie werden von Julianus, nachdem er 357 die Alamannen be-siegt hatte, 358 angegriffen, aber als römische Unterthanen in ihren Sitzen be-lassen. Unter Verdrängung der römischen Provinzialbevölkerung kolonisiertenund germanisierten allmählich die Franken den ganzen Norden Galliens. DieserProzefs ist etwa nach eipem Jahrhundert (c. 450) abgeschlossen. So weit da-mals Gallien rein deutsch geworden, läuft noch heute ungefähr die Sprach-grenze ; nur geringe Einbufse hat das deutsche Sprachgebiet, das bis zur Mün-dung der Somme damals gereicht zu haben scheint, wieder erlitten. Aufserdemerstreckten sich die fränkischen Ansiedelungen auch weiter südwärts. Aufbeiden Ufern der Seine wohnten fränkische Gaue. Aber wegen ihrer nume-rischen Schwäche erlagen sie der Romanisierung durch die auch in kulturellerBeziehung stärkere Provinzialbevölkerung, und ebenso wenig vermochten diespäteren Eroberungen der Franken im übrigen Gallien die Germanisierungdurchzuführen. König Chlodovecli, der eine solche gar nicht beabsichtigte,schützte vielmehr die römische Provinzialbevölkerung in Eigentum und Frei-heit, um ihnen gegenüber in die Rechte des Kaisers zu treten.
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