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Um die Mitte des fünften Jahrhunderts erscheinen die Franken desnördlichen Gallien noch als foederati und Angehörige des römischen Reiches.Sie fechten unter Aetius gegen die Hunnen in der berühmten Schlacht aufden katalaunischen Gefilden. Es ward sogar dem Ägidius, welcher denletzten Rest des Römertums im nördlichen Gallien als eigene Herrschaft be-hauptete (f 464), von einem Teile der Franken (den salischen) die königlicheWürde übertragen, d. h. das Recht der Oberhoheit, welches der Kaiser be-sessen, zuerkannt. Unter seinem Nachfolger Syagrius (464—486) aber er-kennen ihre Abhängigkeit nur die fränkischen Stämme an, welche an denbeiden Ufern der Seine safsen; dagegen erfreuen sich die rein germanischenGebiete des nördlichen Gallien völliger Selbständigkeit. Sie zerfielen in eineMenge einzelner Gauherrschaften unter eigenen Häuptlingen oder Königen,gliedern sich aber nach zwei Hauptgruppen: 1) den salischen Frankenzwischen Somme und den Rheinmündungen, an der Schelde und Maas, alsonördlich des Gebietes von Syagrius, und 2) den ripuarischen Franken, welcheden Rhein stromaufwärts auf beiden Ufern wohnten, an der oberen Maasund der Mosel sowie am Main den Alamannen benachbart.
Europa beim Tode Theoderichs d. Gr. 526.
Innerhalb der fünfzig Jahre, welche seit dem Sturze des weströmischenReiches verflossen, knüpfen sich die wichtigsten Veränderungen an dieNamen des Theoderich, welcher die Ostgoten nach Italien führt und dieEroberung des Landes 493 vollendet, und des Chlodovech. Der letzterekam 481 zur Regierung in dem kleinen Gebiete um Tornacum (Tournai),in dessen Nachbarschaft andere Gaukönige (Ragnachar in Cambrai,Chararick u. s. w.) herrschten. Sein unbedeutendes Erbe erweiterte Chlo-dovech zu dem allumfassenden Frankenreiche durch die gewaltsame Ver-einigung aller salischen Gauherrschaften, die Einverleibung der Ripuarier,welche in ihrem letzten König Sigibert (ermordet 509) schon einen gemein-samen Herrscher besafsen, durch die Besiegung des Syagrius 486, die Unter-werfung der Alamannen 496 (Schlacht bei Tolbiacum oder Zülpich?), dieBesiegung der Westgoten 507 (Schlacht auf den vokladischen Feldern).Durch den Fall des Syagrius dehnte sich Chlodovechs Gebiet bis zur Seine,beziehentlich zur Loire aus; den Besitz des südlichen Galliens brachte derWestgotenkrieg. Nur im Südosten behaupteten sich die Burgunder selbständig;ferner erhielten dem Westgotenreiche die Ostgoten den Küstensteifen amMittelmeer von den Pyrenäen bis zur Rhonemündung, und die Striche vonhier bis zu den Seealpen (Provence) nahm Theodorich selbst in seinen Besitz.
Den Alamannen brachte ihre Niederlage bedeutende Verluste. Siemufsten die nördlichen Gebiete bis zum Hagenauer Forst und bis zur Neckar-mündung preisgeben. Fränkische Kolonisten rückten in diese Sitze, so dafsam Mittelrhein und Main fränkische Bevölkerung eine weite Verbreitunggewinnt. Im übrigen Gebiet der Alamannen mag sich wohl ein Teil derselbenden Franken unterworfen haben; der Rest aber scheint in Ilelvetien und imsüdöstlichen Rhätien den Schutz des Theoderich erlangt zu haben. Dieserhielt im Norden an den Grenzen fest, wie sie unter Odovakar geschaffenwaren. Die Donaulinie blieb aufgegeben. Das Südufer des Stromes bot Raumzur Einwanderung.
Die Bayern.
Die Bajovarier, also hauptsächlich die Bewohner der Baias d. i. Böhmen,die Nachkommen der alten Markomannen (ihr Name wird zuletzt unter denVölkern des Attila genannt) und verwandte Suebenstämme, zogen zwischen488 und 520 in die Gebiete zwischen dem unteren Inn und der Enns. Siebreiteten sich bis zum Lech, der alamannisclien Grenze, hin aus und besetztenauch die Striche nördlich der Donau, von Lechsgemünd quer hinüber zumBöhmerwald, hier der Herrschaft der Thüringer ein Ende machend. Noch imLaufe des 6. Jahrhunderts drangen die Bayern im oberen Innthal und überden Brenner erobernd vor. Ihre Grenzen umfassen seitdem südwestlich denVintschgau und südöstlich das Pusterthal bis zur Wasserscheide zwischenRienz und Drau; südlich reichen sie bis zum Abfall des Nonsberges.
Europa nach dem Tode Justinians I. 565.
Die Ereignisse im Frankenreiche seit dem Tode Chlodovechs werdenzu dem folgenden Kartenblatte besprochen werden. Die wichtigsten Ver-änderungen in den übrigen Teilen des Abendlandes veranlafste Justinian (527bis 565). Dieser ehrgeizige Kaiser von Ostrom war von dem Streben erfüllt,den Glanz des alten Imperium zu erneuern und die verlorenen Provinzen denBarbaren zu entreifsen. Seine Feldherren Beiisar und Narses gewannen,jener 534 Afrika, dieser 554 Italien. Darnach schritt Justinian zum Angriffauf das Westgotenreich in Spanien. Alsbald fiel die Südostküste von Sucrunaam Mittelmeer bis zur Meerenge und sodann Striche der Südwestküste amatlantischen Ozean bis Ossonoba, sowie zahlreiche Binnenstädte (bes. Cor-doba) in die Hände der byzantinischen Truppen. Den bedeutenderen Teilder Eroberungen trat aber Kaiser Heraklius 615/616 an die Westgotenwieder ab; den Rest ihrer Besitzungen entrifs den Oströmern der König Svin-thala (621—631). Schon vorher (584/585) hatten die Westgoten der Selbst-ständigkeit des suebisclien Reiches im Nordwesten Spaniens ein Ende gemacht.
In Italien war die Herrschaft des oströmischen Kaisers nur von kurzerDauer. Es folgte 568 die Besitznahme der Halbinsel durch die Langobarden.Zuvor hatten dieselben 567 dem Reiche der Gepiden im Theifsgebiet ein Endegemacht, nachdem sie zum Bunde die Avaren herbeigerufen.
Die Avaren.
Sie erhalten als Kampfpreis das Land der Besiegten, und so macht sichin der Mitte von Europa eine türkische Horde sefshaft, welche über zweiJahrhunderte der Schrecken des Abendlandes geblieben ist. Zu jenenScharen gehörend, welche von Zeit zu Zeit das völkergebärende Zentralasiennach dem Westen gesandt hat, zeigten sich die Avaren bald nach dem Sturzedes Hunnenreiches hinter den Völkern der Mäotis. Ihr Name verschwindetaber wieder auf ein Jahrhundert. Dann erscheinen sie 558 am Nordfufs desKaukasus und bieten dem Kaiser Justinian ihre Dienste an, der die Fremdenzur Bekämpfung der nordischen Feinde benutzt. Die Avaren drangen andie untere Donau vor, gelangten auf ihren Streifzügen sogar bis zur Elbeund machten sich zuletzt als Verbündete der Langobarden zu Herren derTkeifsebene. Als diese 568 nach Italien zogen, überliefsen sie ihnen auchdie pannonischen Sitze. Das Reich der Avaren umfafste darnach alles Landzwischen den Karpathen, dem Böhmerwald, der Enns, Sau und Donau. Dochwaren sie gar nicht im stände, diese weiten Räume mit der eigenen Bevölke-rung zu füllen, sondern es lebten unter ihrer Oberhoheit eine Menge slawischerStämme, welche im Laufe des 6. Jahrhunderts die meisten dieser Gebiete be-setzten. So treten die Tschechen an Stelle der Bajovarier in Böhmen; öst-lich von ihnen machen sich die Mähren sefshaft; den Norden des heutigen
Ungarn nehmen die Slowaken ein. Pannonien besiedeln die Slowenen, undin dem ehemaligen Dacien fluten Stammesgenossen derselben.
Auch im Norden des Avarenreiches sind die Slawen an die Stelle derGermanen getreten und sicherlich seit 500 Herren des Landes östlich derElbe-Saale. Zwischen dieser Linie und der Oder sitzen die sogenannten Po-laben und die Sorben, in ihrem Rücken die Pommern, die eigentlichen Polenund die Schlesier. Zwischen der unteren Weichsel und den Njemen habendie mit den Litauern verwandten Preufsen Platz genommen. Steffen.
Zu Seite 20:
DAS FRANKENREICH UNTER DEN MEROVINGERN.
Bei seinem Tode (511) hinterliefs König Chlodovech das Frankenreichvier Söhnen, welche sich in dasselbe wie in Privatgut teilten, ohne dafs man dieprinzipielle Einheit des Frankenreiches aufzuheben gedachte.
(Vergl. denKarton: Teil, des Frankenreichs nach Chlodwigs Tode.)
Theuderich, der älteste Sohn (511—534), erhielt das gröfste Stück:die altfränkischen Gaue östlich der Maas und alles übrige Land im Ostensamt den chattischen oder hessischen Gebieten, welche eine lose verbundeneund sehr bedrohte Mark bildeten, und den unterwürfigen Alamannen, fernerdie Champagne und das östliche Aquitanien (Auvergne). Seine Residenzwar Rheims. Er besiegte die Thüringer 531 mit Hilfe der Sachsen, welcheNordthüringen bis zur Unstrut an sich rissen, während das südwestlicheThüringerland für das Frankenreich gewonnen ward. Die Unterwerfung derThüringer scheint Theuderichs Sohn Theudebert (534—548) vollendet zuhaben. Dieser dehnte 536 (oder 538) seine Herrschaft auch über die Ala-mannen in Rhätien aus, welche sich 496 unter den Schutz der Ostgoten ge-stellt hatten, so dafs jetzt der gesamte Stamm der Alamannen dem Franken-reiche angehörte. Vielleicht hat er (um 536 ?) auch die Bayern, welche imJahre 555 tributär sind, abhängig gemacht. Mit seinem Sohne Theudebald(548—555) erlosch diese Merovingerlinie.
Von den mittleren Söhnen Chlodovechs bekam Childebert (511—558)Gebiete an der Seine mit der Hauptstadt Paris und die Striche bis zum Meere,erlangte Chlodomer (511—524) den gröfsten Teil vom südlichen Gallien (Re-sidenz Orleans). Der letztere fand den Tod 524, seine Söhne wurden ermordet,in die Hinterlassenschaft teilten sich Childebert und der jüngste Bruder Clilo-thachar, welche zusammen 532 dem Burgunderreiche ein Ende machten (beider Teilung 534 Theudebert bedacht?) und 536 die ostgotische Provencegewannen. Childebert starb kinderlos 558.
Darnach vereinigte während der Jahre 558—561 das ganze, mächtigerweiterte Frankenreich in seiner Hand Chlothachar (511 — 561), der letzteSohn Chlodovechs. Er hatte ursprünglich das kleinste Stück, die salischenGaue mit Cambray, Arras, Tournai und das Gebiet von Soissons (Hauptstadt)besessen. Das Ganze, was er allmählich zusammengebracht, zerfiel jedochvon neuem nach seinem Tode 561 unter seine vier Söhne.
(Vergl. den Karton: Teil, des Frankenreichs nach Chlotars Tode.)
Im allgemeinen entsprach das Teilungsprinzip dem früheren. Von demLande zwischen Somme und Loire, welches von Chlodovech zuerst erobertund zum Mittelpunkt des fränkischen Reiches gemacht das ideale Zentrum blieb,empfing jeder der Brüder wieder seinen Anteil und dazu ein Ilauptland,sowie kleinere Stücke vom übrigen. Also fiel an Sigibert in Rheims (561bis 575) besonders der weite Osten, an Chilperich in Soissons (511—584)bes. die salischen Gaue, das ursprüngliche Reich Chlothachars, an Guntchramnin Orleans (561—593) bes. die burgundischen Länder, an Charibert in Paris(561—567) der Ilauptteil der westgotischen Eroberungen.
Streitigkeiten unter den Brüdern und der frühe Tod des letztgenannten(567) führten neue Veränderungen der Territorien herbei. Es besteht fürlängere Zeit eine Dreiteilung, und eine solche setzt auch der Vertrag vonAndelot (Departement Haute Marne) vom Jahre 587 voraus.
(Vergl. den Karton: Teil, des Frankenreichs nach dem Vertragvon Andelot 587.)
Damals herrschten Guntramn in Orleans, Childebert II, der Sohn Sigi-berts, und seine Mutter Brunichildis (f 613) in Austrasien, Chlothachar II,der Sohn Chilperichs und der Fredegundis (f 597), im Nordwesten. Derletztere ist am Vertrage unbeteiligt; die beiden ersten Parteien regelten denBesitzstand ihrer Reiche und stellten so gute Beziehungen her, dafs beim Todedes kinderlosen Guntramn (593) Childebert II (575—596) sein Erbe ward.Des letzteren Haus erlosch 613, und nun übernahm Chlothachar II (584bis 628) das gesamte Frankenreich. Doch auch während dieses einheitlichenKönigtums machte sich eine Scheidung der verschiedenen Reichsteile geltend.Schon lange hatte man sich gewöhnt, die Länder des nördlichen Franken-reichs nach ihrer Lage Austrasien oder Auster (d. i. Ostland) und Neustrasienoder Neuster (d. i. West- oder Neuland) zu bezeichnen, wobei an eine festeGrenze zu denken der fortwährende Wechsel der Teilungen nicht erlaubte.Mit der Zeit erhielten jene Namen eine politische Bedeutung für die Reichedes Ostens und des Westens, denen „Burgund“ d. i. der Süden (Provence,Burgund, Aquitanien u. s. w.) als das dritte zur Seite gestellt zu werdenpflegt. Wohl überwog in Austrasien bei weitem das deutsche Element; aberauch in Neustrasien mit seinen salischen Gauen war es ziemlich stark ver-treten, und erst als im 8. und 9. Jahrhundert die Germanen der Seineländervom Romanentum überwuchert wurden, konnte die Verschiedenheit vonSprache und Sitte zu dem bewufsten Gegensatz von germanischer und ro-manischer Reichshälfte sich steigern. Daran ist aber noch nicht zu denken,als die Ausdrücke Auster, Neuster und Burgund um 600 offizielle Bedeutunggewinnen. Jeder der drei Hauptteile des Reiches hat seinen eigenen Landtagund seinen eigenen Majordomus. Es ist dies ursprünglich der Oberaufseherdes königlichen Hauswesens, dann überhaupt der oberste Beamte am könig-lichen Hofe. Während aber seit Chlothachar II Neuster und Burgund in derPerson des Königs (später auch des Majordomus) verbunden bleiben, gehtAuster, das den beiden andern an Gröfse und Bevölkerung ungefähr gleichsteht, seinen besonderen Weg. Chlothachar II selbst setzte auf Drängender austrasischen Grofsen 622 über das Land östlich der Ardennen und Vo-gesen seinen Sohn Dagobert. Dieser stand hier unter der Leitung des Bi-schofs Arnulf von Metz und des austrasischen Majordomus Pippin desÄlteren, welche die Stammväter des Karolingergeschlechtes sind. Zuletztverbindet Chlodovech II noch einmal i. J. 656 Austrasien und Neustrien-Bur-gund, bevor Pippin der Mittlere, der Enkel jener beiden und das Haupt derI Austrasier, durch die Schlacht bei Testri 687 die Reichseinheit wieder her-stellt und neben dem Schattenkünigtum der Merovinger als Regent überdas Ganze gebietet. Steffen.