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5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
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52
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52 Krankheit

Es kann dies nicht befremden, wenn man bedenkt, wtc beide von gewissen Mittelpunkten aus-gehend (hier Hirn und Rückenmark, dort das Herz) den ganzen Körper durchsetzen. In Rücksichtauf das Blut dürfte diese Behauptung den Laien nicht befremden, eher in Bezug auf die Nerven.Doch seien zur Erklärung dieser Erscheinungen wenigstens einige Thatsachen angeführt. Allgemeinbekannt ist, wie unter den Eindrücken hoher Freude oder großen Schmerzes reichliche Thränen-absonderung, wie unter dem Einflüsse des Ekels Uebelkeit und Erbrechen, bei großer Angstlebhafte Darmbewegung, reichlichere Absonderung der Darmschlcimbaut und selbst diarrhöischerStuhl eintreten können; in allen diesen Fällen werden aber vom Hirn aus, in welchem jeneEindrücke zuin Bewußtsein gelangen, gewiste Nervenprovinzen erregt, die sodann ihrerseitswiederum die betreffenden Thätigkeiten der Thränendrüsen, der Magen- und Bauchmuskeln, derTarmdrüfen anregen.

Eine Eintheilung der Krankheiten (System) Unterlasten wir hier zu geben, da, manmag sie nach einem Princip ausstellen, nach welchem man will, dieselbe immer gewiste Unvollkom-menheiten in sich schließen und zu bestimmten Wiederholungen führen muß (so kann die Tuber-kulose zu den Eonsiilutions- oder Respirationskrankheiten, die Gicht zu den Dyskrasien oder denKrankheiten der Bewegungsorgane gerechnet werden u. s. f.), sondern begnügen uns, gewisteBegriffe und Bezeichnungen, die in diesem und andern Artikeln angewandt werden, vorzuführen.Dyskrasien oder constitutionelle Leiden werden also (s. o.) solche Krankheiten genamtt,welche in einer Entmischung der Säfte (des Blutes) bestehen. Ebenfalls allgemeine Krankheiten sinddie Infecti ons - und Int oxicationskran theilen; bei erstern wird die Krankheit durch einvon einem thierischen oder menschlichen Körper erzeugtes Gift hervorgerufen (Hundswuth, Syphilis,acute Erantheme, wie Masern, Scharlach und Pocken, vgl. den Art. Ansteckung), bei letzter» durchein aus dem Pflanzen- oder Mineralreich stammendes (Opium, Belladonna u. s. w Kupfer-,Arsenik-, Quecksilbervergiftung u. s. w.). Ferner unterscheidet man die Krankheiten nach den vor-züglich oder ausschließlich von ihnen ergriffenen Organen und Organsystemen und spricht alsoin erster Beziehung von Lungen-, Brustfell-, Herz-, Leber-, Magen-, Hautkrankheiten u. s. w..in zweiter Rücksicht von Krankheiten des Nerven-, Eirculations-, Respirations-, Geschlechts-systems, Geisteskrankheiten u. f. w. Da Lebensalter, Geschlecht, gewiste andere physiologischeZustände eigenthümliche Krankheiten bedingen, oder andern, sonst auch vorkommenden ein beson-deres Gepräge aufdrücken, so unterscheidet man auch zwischen Kinderkrankheiten, Krankheiten desGreisenalters, der Frauen, des Wochenbetts n. s. f. Endlich spaltet man die ganze Menge derKrankheiten in zwei, aber wiederum sich in vielen Punkten deckende Störungen, in chirurgischeund (aber nicht in dem strengsten Sinne zu nehmen) innere Krankheiten. Zu letztern werdenalle die genannten und angedeuteten Störungen gerechnet, zu erstern alle Verletzungen und über-haupt vorzüglich solche Leiden, welche einem operativen Verfahren oder einer mechanischen Be-handlung (wobei eine gleichzeitige innere, medicamentöse nicht ausgeschlossen ist) zugänglich sind.

Die Lehre von den Krankheiten, die Pathologie (von rafös;, das Leiden, die Krank-heit, und die Lehre) schöpft ihre Kenntniß, wie die Medicin überhaupt, aus der auf die Lcbens-

vorgänge des Thierkörpers angewandten Physik und Chemie, dem Studium der morphologischen(^opPip die Gestalt, Form) Beschaffenheit seiner Organe (Anatomie) und der feinern Structurder die Organe zusammensetzenden Gewebe (Histologie, von urrcj, das Gewebe) und der ausdiesen Wissenschaften resultirendeu Lehre von den normalen Lebcnsvorgängcn und Lebensbedin-gungen im Thierleibc selbst (Physiologie, von <pvac;, die Natur, d. i. Beschaffenheit u. s. w. einesorganischen Wesens). Diese Wiffenschaften auf die krankhaften Vorgänge, auf Erforschung undFeststellung der Regeln, nach denen dieselben geschehen, angewandt, gibt die pathologischePhysiologie, pathologische Chemie, pathologische Anatomie u. s. w., von denen letztere nament-lich, wie oben bereits gesagt, in der Neuzeit außerordentliche Fortschritte gemacht und eine rich-tigere und vollständigere Einsicht in die Krankheiten wesentlich gefördert hat. Ihre Kenntnißwird erworben durch Leichenöffnungen, die daher vernünftigerweise nirgends verweigert werdensollten, und durch feinere mikroskopische Untersuchung der erkrankten Organe. Erst die Kennt-niß der genannten Wiffenschaften befähigt den Arzt, die Beobachtung am Krankenbett überEntstehung und Verlauf der Krankheiten in nutzbringender Weise anzustellen und die daselbstgemachten Erfabrungen bei dem ärztlichen Handeln (Darreichung von Medicamenten, Reguli-rung der Diät und des Rögime u. s. w.) zum Nutzen des Kranken zu verwenden. Darauswird zugleich ersichtlich, wie es einem Laien nie möglich werden kann, aus flüchtiger Lectürepopularisirender mcdicinischer Werke sich hinreichende Kenntniß und Fähigkeit zur Krankenbeband-luna zu erwerben.