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5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
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53
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Krankheit 53

Wenn der Arzt an das Krankenbett tritt, so ist seine erste Ausgabe, aus den Zeichen (Sym-ptomen) der Krankheit diese selbst zu erforschen und sestzustellen (zu diagnosticircn). Jedoch sindkeineswegs alle Zeichen des Erkranktseins von gleicher Wichtigkeit für die Erkennung (Diagnose)der vorliegenden Krankbcit. Einige sind deshalb unwichtiger, weil sie vielen Krankheiten gemeinlind, wie Fieber, Schmerz, Ergrissensein des Nervensystems (Abgeschlagenheit, Krankheitsgefühl,Kopfweh, Delirien, Schwindel, Krämpfe u. s. w.), und lasien nur aus dem Grad ihrer Heftig-keit im allgemeinen einen Schluß auf die Schwere der Krankheit machen; andere hingegen sind fürdie Diagnose von großer Bedeutung, da sie direct auf das leidende Organ u. s. w. hinweisen;so z. B. Husten, blutiger, eiteriger Auswurf, veränderte Athemgeräusche u. s. w. auf Krankheitender Lungen; Scbmerz in der Magengrube, Erbrechen überhaupt oder besonders blutiger Massenauf Leiden des Magens; Bewußtlosigkeit, Läbmungen, Verzerrungen der Gesichtszüge u. s. w.auf Gehirnasfectionen u. s. f. Allein es darf der Arzt bei Erforschung dieser Zeichen und desOrgans, auf desien Erkrankung sie hinweisen, nicht stehen bleiben und muß zur Vervollständigungdes Krankheitsbildes, entweder umändere Affectionen, die gleichzeitig vorhanden sein könnten,auszuschließen, oder um bei etwaiger Gegenwart solcher sein ärztliches Handeln in Bezug auf daSgegenwärtige Hauptleidcn in einer Weise einzurichten, daß in Rücksicht auf jene wenigstensnicht geschadet wird, auch die Beschaffenheit der übrigen Organe prüfen und deshalb, zumalwenn ihm der Kranke bis dahin noch unbekannt war, eine allgemeine Untersuchung der wichtigstenOrgane und Functioncn des Körpers vornehmen, der sich der Kranke, sollte sie ihm auch über-flüssig und für das ihn drückende Leiden unnöthig erscheinen, willig zu unterwerfen hat. Es könnendie Symptome im allgemeinen nach verschiedenen Rücksichten gruppirt werden; die wichtigsteEintheilung ist die in subjective und objective. Unter jenen werden solche verstanden, welcheder Kranke allein wahrnimmt (Schmerz (s. d.), Druck, Spannung u. s. w.) und auf die er auchin der Regel das Hauptgewicht zu legen pflegt, die aber keineswegs für die Diagnose der Krank-heit immer von dieser Wichtigkeit sind. Ungleich werthvoller und entscheidender sind die objec-tiven, d. h. die auch für den Arzt oder für diesen allein erkennbaren Krankheitszeichen. Beibewußtlosen, delirirenden Kranken, bei kleinen Kinder» ist derselbe nur auf diese Symptome an-gewiesen, und sie reichen allermeist auch vollkommen zur Stellung der Diagnose aus. Zur Erkennt-niß derselben bedarf es säst sämmtlicher Sinne des Beobachters, des Gefühls (Betasten, um dieConnstenz eines Gewebes, einer Geschwulst, den Grad der Fieberwärme zu beurtheilen, den Pulszu fühlen u. s. w.), des Gesichts (um äußerlich wahrnehmbare Formverändcrungcu, Farbe derHaut, Glanz des Auges u. s. w. zu erkennen), des Gehörs (um die Athmungsgeraufche, die-challdifferenzcn bei der Pcrcussion, die Beschaffenheit der Herztöne u. s. w. zu untersuchen),des Geruchs (um den Gcrnch des Schweißes, des Harns zu prüfen). Er muß sich der zahl-reichen, für die Diagnose der Krankheiten so äußerst wichtigen und meist erst durch die Neuzeiteingeführten oder doch wesentlich vervollkommnete» physikalischen und chemischen Untersuchungs-mittel bedienen, wohin die verschiedenen Bclcuchtungsapparate (Augen-, Ohren-, Kehlkopf-,Mutterspiegel u. s. w.), das Plcsiomctcr und Stethoskop (s. Auscultatio» und Pcrcussion), dasThermometer (s. Fieber), chemische Reagentien zur Untersuchung des Harns (f. d. und Niere),der Katheter, die Steinsonde u. s. w. (s. Harnbcschwerdeu) gehören, alles meist unumgäng-lich nothwendige Hülfsmittel zur Feststellung der Krankheiten, deren Anwendung aber auchbesondere physikalische und chemische Vorkenntnisse und nur durch vielfache Uebung zu erlan-gende technische Fertigkeiten voraussetzt. Der Gang, den die ärztliche Untersuchung im allge-meinen zu nehmen hat, ist ungefähr folgender. Zunächst umfaßt der geübte Diagnostiker miteinem Blick die ganze äußere Erscheinung des Kranken, seine Haltung, Lage, den Ausdruck desGesichts und der Augen, die Farbe des Gesichts, seine Art zn athme», zu sprechen u. s. w., dieEntwickelung seines ganzen Körpers», s. w., und wird nicht selten schon aus den hierbei zumachenden Wahrnehmungen manchen wichtigen Schluß ziehen, manchmal selbst die Art derKrankheit errathen können. Doch darf er hierbei nie sieben bleiben, sei es aus Trägheit undLeichtsinn, sei es, um mit seiner Routine und seinem „praktischen Blick" zu renommiren, sondernwird auch den Kranken selbst, oder wo es bei diesem nicht möglich, die Umgebung über die vor-her stattgesundenen Vorgänge zu befragen haben. Das Krankenexamen oder die Aufnahme derAnamnese (von iva,u.|jit.vT ( cxsiv, sich erinnern) bat sich in den meisten Fällen nicht blos auf dieletzten und unmittelbar mit dem vorliegenden Leiden in Verbindung stehenden Vorgänge zu be-schränken, sondern muß allermeist auch auf frühere Zeiten zurückgehen und frühere Erkrankun-gen ähnlicher oder verschiedener Art erforschen. Der Kranke soll, sofern dies sonst fein Zustandgestattet. einfach und kurz erzäblcn, was ihm bekannt, und nicht, wie nur allzu häufig geschieht.