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5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
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Krapp

Krapp. Die Wurzel der Färberröthe, Rudia tinctorum L., einer in Südeuropa und derLevante heimischen Pflanze, wurde schon im Alterthum zum Rothfärben benutzt und für diesenZweck namentlich im Oriente cultivirt. Von dort verbreitete sich der Anbau im Mittelalter nachHolland, wurde 1666 durch Colbert bei Avignon im südlichen Frankreich eingeführt, blüht seit1760 im Elsaß und gewann seit dieser Zeit immer größere Ausdehnung, sodaß er jetzt in derholländischen Provinz Seeland, in Frankreich und im Elsaß einen sehr einträglichen Gewerbszwcigbildet; in zweiter Reihe als Productionsländcr stehen die Rheinpfalz, Baden, Schlesien, Ungarn,Südrußland und die kaukasischen Provinzen. Die Drogue kommt entweder ganz oder gemahlenzur Verwendung. Erstere Form, die weniger gewöhnliche, liefert die Levante, namentlich Smyrnaund die Insel Cypcru, in kleinen Mengen auch Südfrankreich; man erntet die Wurzel im fünftenoder sechsten Jahre, befreit sie durch Klopfen von anhängender Erde, trocknet zuerst an der Luft,dann bei höchstens 50° in Trockenstuben oder auf Darren und bringt die 1 %3 Linien dicken,cylindrischen, außen braunen, innen rothen Wurzeln als Alizari in den Handel. Die vielhäufiger vorkommende gemahlene Waare heißt Krapp (Garance) und wird durch Zerkleinern derzwei- bis dreijährigen Wurzel auf eigenen Krappmühlen dargestellt. Da der Farbstoff haupt-sächlich zwischen Oberhaut und Holz seinen Sitz hat, so entfernt man zweckmäßig vor dem Zer-kleinern die Epidermis sammt den Fasern durch Dreschen und Sieben (das Berauben), zerkleinertdie beraubte Wurzel zwischen Mühlsteinen, trennt durch wiederholtes Sieben das zuerst abfallendefarbstoffreichere Pulver der Rinde von dem Hellern Pulver des holzigen Kerns und stellt danndurch Mischen dieser verschiedenen Producte die einzelnen Handelssorten dar. Die beim Beraubensich ergebenden Abfülle werden durch Schwingen oder auf Kornfegemühlen von erdigen Theilenmöglichst gereinigt und liefern dann die schlechteste Krappsorte, den Mull (Billon), welcher oftmit verdorbenen bessern Sorten gemischt und zu unreinen Farben gebraucht wird.

Guter Krapp bildet frisch gemahlen ein rothgelbes, eigenthümlich riechendes Pulver, welchesindeß der Regel nach nicht sogleich zur Verwendung gelangt, sondern gewöhnlich mehrere Jahrelang in Fässern verpackt aufbewahrt wird. Während dieser Zeit erleidet das Pulver unter demEinflüsse der angezogenen Feuchtigkeit und der sparsam zutretenden Luft eine chemische Verände-rung, welche mit einer wesentlichen Erhöhung der Färbekraft verbunden ist; es wird nämlich einin der frischen Wurzel vorhandenes gelbes Chromogen, die von Rochleder entdeckte Ruberythrin-säure, durch ein Ferment, welches die stickstoffhaltigen Bestandtheile der Wurzel liefern, in Alizarin,den eigentlich färbenden Stoff des Krapps, und in Traubenzucker zerlegt. Dabei vergrößert sich daSVolumen des Pulvers, die Farbe wird dunkler, und nach 23 Jahren ist die Färbekraft aufs höchsteentwickelt; bei längerer Aufbewahrung tritt allmählich eine Entmischung des Farbstoffs und somit eineEntwerthung des Products ein. Auf den Verlauf dieser eigenthümlichen Gärung (das Arbeiten) habenBoden und Klima des Productionsorts, von denen der Gehalt an Färb- und Proteinstoffen abhängt,entschiedenen Einfluß, und die einzelnen Handelssorten weichen in dieser Beziehung wie auch inFarbe, Geruch und Geschmack beträchtlich voneinander ab. Der holländische Krapp, ein grobes,orange- bis braunrothes Pulver von widrigem Gerüche und bittersüßem Geschmacke, welches sichfettig anfühlt und sehr leicht Feuchtigkeit anzieht, arbeitet besonders lebhaft und anhaltend undverwandelt sich dabei in eine zusammenhängende Masse, den Traubenkrapp, der nach drei Jahrendas Maximum seiner Färbekraft erreicht. Elsasser Krapp, welcher namentlich um Strasburg,Hagenau und Geißelbrunn gewonnen wird, hat einen weniger starken Geruch und mehr bitternGeschmack und ist nach zwei Jahren am besten. Avignonkrapp ist viel feiner pulverisirt,trocken, hellroth oder bräunlich, arbeitet sehr langsam und kann schon ftisch verwendet werden,gewinnt indeß durch einjähriges Lagern. Die beste Sorte desselben, welche in trocken gelegtenSümpfen bei Avignon gezogen wird, heißt Palud. Bon jeder dieser nach ihren Gewinnungs-orten benannten Sorten kennt man wieder Abstufungen, die meist durch bestimmte Buchstabenbezeichnet werden. So unterscheidet man in Holland Mull, feinen und superfeinen Traubenkrapp,im Elsaß Mull (0), Mittelfein (AR), Feinfein (FF), Superfein (SF), Superfeinfein (SFF);in Avignon fügt man diesen Bezeichnungen noch Palud (P), rein Palud (PP), rein rother Palud(RPP) und rosenfarbener Krapp (R) zu und hat sich im Superlativ der Vorzüglichkeit bis zuEXTSFRPP (extrasuperfeiner rein rother Palud) verstiegen. Der hohe Preis des Krapps hatvon jeher Gelegenheit zu vielfachen Verfälschungen gegeben, welche durch die Pulverform desPräparats sehr erleichtert werden. So hat man mineralische Pulver, wie Ziegelmehl, Bolus,Ochcr, Thon u. s. w. und werthlose Pflanzenstoffe, namentlich Sügespäne und das Pulver billigerrother Farbhölzer zugesetzt. Erstere lassen sich durch den ungewöhnlich großen Rückstand, deneine Probe beim Einäschern hinterläßt, leicht erkennen; letztere entziehen sich, wenn nicht das