138 Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit
Nähe erzwingen, so tritt bald das Gefühl von Druck oder selbst Schmerz im Auge ein; das An-passungsvermögen erlahmt infolge der Ueberanstrengung auf längere Zeit gänzlich, der Krankeist, wie man sagt, schwachsichtig. Bei den höchsten Graden der Weitsichtigkeit, in denen der Nah'Punkt über 2 Fuß hinauslicgt, ist jede feinere Arbeit von vornherein ganz unmöglich; das Deut-lichsehen beginnt erst in einer Entfernung, in welcher feine Dinge schon viel zu kleine Netzhaut-bilder geben, um noch im Detail erkannt zu werden. Jenseit ihres Nahpunktes aber sehen amFernsichtigen so scharf wie andere, nur bei verhältnißmäßiger Nähe der Dinge nicht so ausdauernd.
Die Ursachen der Weitsichtigkeit liegen entweder in der Linse oder in den Anpassungsmuskelnoder in beiden. Die Linse erleidet mit den Jahren früher oder später eine Berdichtung, vermögtderen sie den Formveränderungen der Anpassung größern Widerstand entgegensetzt und da- An-passungsvermögen entsprechend beschränkt. Wo diese Altersverändernng der Linse bis zur Ab-flachung derselben fortschreitet, kommt es zu einer regelwidrigen Verlängerung der Brennweite^der Brennpunkt fällt über die Netzhaut hinaus, das Auge wird übersichtig, ein Uebel, M -sogleich besprochen werden soll. Die Schwäche der Anpassungsmuskeln tritt ebenfalls sehr ge-wöhnlich mit den Jahren ein, doch können dieselben außer durch Altersschwäche auch durch Mverschiedene andersartige Schwächeznstände und sonstige Störungen in ihrer Thätigkeit gehen»"werden. Viele erschöpfende Krankheiten führen oft schon in der Jugend zu einer vorübergehende"Schwäche dieser Muskeln, welche sich entweder schon während der Krankheit, wie z. B. dei & l ’ rBleichsucht, oder in der Rcconvalescenz, wie z. B. nach dem Typhus, zeigt. Bessert sich da- All-gemeinbefinden, so hebt sich dann auch meist die Weitsichtigkeit. Schreitet das Grundübel weite»so kommt es oft, wie z. B. bei Säufern, bei Bleivergiftung u. s. w., zur völligen Aufhebung ^Anpassungsvermögens. Ebenso werden oft die Anpasiungsmnskeln von den Nerven aus gelähwbsei es, daß das Gehirn und Rückenmark leidet, oder daß nur die zu den Muskeln führenden Nerve"in ihrer Leitung-fähigkeit gestört sind.
Die Behandlung der Weitsichtigkeit kann, wo das Uebel in erwähnter Weise durch cl,tAllgemeinlciden bedingt ist, oft große Erfolge erzielen, wenn letzteres zu heben ist und dauebe"die erkrankten Anpassungsmuskeln vor jeder Ueberanstrengung bewahrt bleiben, wobei dann »JjNothfall eine passende Brille den bisweilen unvermeidlichen Gebrauch der Augen minder bcbcntt'®macht. Ist das Grundübel beseitigt, so können vorsichtige und vom Arzte geleitete Uebungen de-Anpassungsvermögens und eine auf Kräftigung der Muskeln im allgemeinen gerichtete Leben---weise das Uebel bisweilen ganz beseitigen. Wo die Weitsichtigkeit lediglich eine Folge des Alte»-ist, hat man recht bald zu einer Sammelbrille (s. Brillen) zu greifen, um die übermäßige An-strengung beim Nahesehen zu verhüten; für die Ferne ist selbstverständlich die Brille nicht nöthig'Eine solche passende Brille vermag allerdings der Verschlimmerung des Uebels insofern vorzu-beugen, als letztere durch die Ueberanstrengung der erwähnten Muskeln zu fürchte» ist: ^Altersveränderung der Linse zu beben, vermag die Brille nicht. Eine durch Misbrauch tftAnpassungsthätigkeit verschlimmerte Weitsichtigkeit wird sich durch die Brille sogar bis zu 3 C ‘wissem Grade wieder bessern können, dann aber dieselbe bleiben oder mit dem Alter längs""?vorschreiten. Zur Auswahl der Brille bedient man sich folgender Methode: Alan mißt zunäeiAdie Entfernung, in welcher der Kranke leicht und auf die Dauer zu lesen vermag; dazu bedarf eieiner um so größern Schrift, je größer diese Entfernung ist, denn eine zu kleine Schrift gibt, we""auch noch so scharfe, doch zu kleine Netzhautbilder, um deutlich zu werden. Hierauf mißt manEntfernung, in welche ein normalsichtiges Auge dieselben Gegenstände bringt, mit denen der Wemsichtige sich eben zu beschäftigen wünscht; diese Entfernung ist für mittle Druckschrift etwa 12 Z"(für kleinere geringer). Beide Entfernungen, nach Zollen bestimmt, werden miteinander n>n»''plicirt und die erhaltene Summe durch den Unterschied beider Entfernungen dividirt. Die erb"'tene Zahl gibt die Brennweite der nöthigen Convexlinse. Der Kranke könne z. B. eine hinreiche"große Schrift bei 20 Zoll Entfernung andauernd und ohne Anstrengung lesen, wolle aber d>gewöhnliche mittle Druckschrift ebenso leicht lesen können, so hat er 20 mal 12, d. i. 240, b" 1 .,20 weniger 12, d. i. 8, zu dividiren und erhält also 30 als Nummer der nöthigen Brille. D>^Brille paßt aber eben nur für diese Schrift oder für eine Beschäftigung, die der Nornialsicht'l^ebenfalls bei 12 Zoll Abstand vorn Auge vornimmt. Durch eine zu starke Brille erspart deWeitsichtige seinen Anpassungsmuskeln alle Arbeit, sodaß sie infolge der Unthätigkeit allmäht' •erlahmen; durch eine zu schwache Brille muthet er ihnen zu viel zu, sodaß sie endlich aus lle& cr 'anstrengung erlahmen. Dasselbe ist der Fall, wenn dieselbe Brille für verschiedene Entfernung^'benutzt wird, da sie doch nur für eine paßt. , t
Die Uebersichtigkeit hat zwar sehr vieles mit der reinen Weitsichtigkeit gemein, erforve