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5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
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551
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Mitleid und Theilnahme 551

Güte und des Wohlwollens, jener hohen ethischen Güter unfähig, und wer umgekehrt dieseZeugen will, sei es an sich oder an andere, der muß auf jene zurückgehen.

Dem in sich selbst zum Abschlüsse gekommenen Egoismus entgegengesetzt ist das nach vielen. Äen hin ausschreitende sich an alle Dinge der Außenwelt anhaftende Interesse. Der Egoismusalles kalt, was nicht in das Bereich seiner streng abgemessenen Bestrebungen hineingehört,Interesse hingegen betheiligt sich ohne Rücksicht auf augenblicklichen Gewinn an allen hervor-^genden Ereignissen und Thatsachen des Lebens, der Kunst und Wissenschaft mit immer reger,'Miner gleich bleibender Warme. Der Egoismus ist Tod, das Interesse ist Leben, jener ist Kälte,^ses Wärme. Gleichwob hat auch das Interesse noch verschiedene Wärmegrade. Es ist z. B.

anderes, ob wir mit Karl Ritter einzelne Partien der vergleichenden Erdkunde, mit Jsaak^ewtou die Bewegung der Himmelskörper, mit Gottfried Hermann die griechische Grammatik' "diren, oder ob wir uns mit Shakspeare in „Hamlet", mit Goethe in „Faust", mit Schiller in"Maria Stuart" oder „Teil" vertiefen. Wie regt sich unser Gemüth, wie wir die Maria Stuartallem scheiden, wie wir Tell auf den Kopf seines Knaben zielen sehen. Das Interesse,Elches der Dichter hier gewährt, ist offenbar ein anderes als das, welches uns der GelehrteErbietet. Bei dem letztem bleibt unser Gemüth ruhig, oder wird höchstens von dem Wellen-Mage der Freude über eine eigene Erfindung, über eine neugeschaffene Erkenntniß bewegt;Gegenstand selbst aber bleibt uns mehr oder weniger gleichgültig. Dort hingegen werdenwarm, alles, was Mensch in uns ist, wird gepackt, wir werden ost in unserm tiefsten Innern^gestört, und der Gegenstand selbst, der uns erregte, fesselt uns, müßten wir uns auch wie vonFranz Moor, einem Richard III. mit Abscheu wegwenden.

Der Grund' dieser eigenthümlichen Erscheinung liegt in der Berschiedenartigkeit der Objecte,ächtet sich unser Interesse auf die Natur als ein unbeseeltes Ganzes, suchen wir sie nur be-f'.sWcJ) zu erfassen, so gewinnen wir eben nur eine Erkenntniß, die sozusagen den Verstand"°>chäftigt. Treten wir aber den höher organisirten Thieren, vor allem dem Menschen als einem^findenden, handelnden und leidenden, fordernden und duldenden Wesen gegenüber, so ge-°'düen wir außer einer begrifflichen Erkenntniß noch ein lebendige» Bild des ihr zu GrundeAgenden Svelenzustandes, das uns zwingt, an dem Gegenstände, der uns bewegte, theilzunehmen,^ daher mit vollem Rechte den Namen Theilnahme erhalten hat. Doch scheint, als sei die^bilnahme ein so complicirter Gemüthszustand, daß er nur bei Gebildeten vorzukommen ver-achte. Ist hiermit nachgewiesen, daß die Theilnahme als eine besondere Art des Interessesbrachtet werden kann, so muß doch behufs einer wettern Verständigung ihr Wesen noch scharfer. .^kirt werden. Zu diesem Zwecke erinnern wir an die interessanten Versuche, die Savart überJ? Mittheilung von Schallschwingungen gemacht hat. Er befestigte Membrane von Papier,^gament oder Goldschlägerhaut auf die Ränder eines Holzrahmens, oder über die Oeffnungder Glasglocke und bestreute sie mit Sandkörnchen. Brachte er nun eine schwingende Stimm-oder eine tönende Orgelpfeife in ihre Nähe, so vibrirte die Membran gerade so, alsdirect erschüttert worden wäre, was aus der Bewegung der Sandkörnchen zu ersehen war.As theilnehmende Gemüth des Menschen hat sehr viel Aehnlichkeit mit einem solchen Savart'-Membran. Gemüthszustände anderer finden in ihm einen lauten Widerhall; es geräth ge-l"s>ermaßen in dieselben Schwingungen und beide Gemüther verschmelzen bei gleicher Empfin-H Die Theilnahme ist das Echo der Herzen, der Photograph der Empfindungen. Daher^ sie nicht wie das ihr nahe verwandte Mitleid nur Moüaccorde wieder, durchwühlend das^tne H^rz mit dem fremden Schmerz; sie kleidet sich roth und schwarz. Wohl und Wehe, FreudeJ! 0 ^nd, kurz alle Regungen, des Menschenherzens spiegeln sich gleichmäßig in ihr wieder. „Der, ^ durchfühlenden Gottheit ähnlich", sagt Herder, „kann der Mensch sich beinahe in jedes Ge-"df versetzen und in dem Maße mit ihm empfinden, als das Geschöpf bedarf."

3n dieser das Innere anderer nachbildenden Thätigkeit der Theilnahme liegt nun aber vor-w^eise die hohe erzieherische Bedeutung derselben. Indem nämlich die Empfindungen zweier^is>Nen miteinander verschmolzen, stießen die Personen selbst in diesem Punkte zusammen,^ wehr solche Verschmelzungen stattfinden, um so inniger, um so fester wird die Verbindungs 11 " 3st daher die Theilnahme die Basis jeder gesellschaftlichen Vereinigung, so liegt auf derdaß Freundschaft und Liebe ohne sie nicht entstehen und bestehen können. Sie ist der^""dstein für die wahre Herzensgüte, das Samenkorn für die Entwickelung des Wohlwollens,j, ''Udem sie allein es ermöglicht, daß sich die Menschen ihrem innersten Wesen nach verstehen,^ er Menschenkenntniß neue Straßen, erschließt das Verständniß menschlichen Thuns° Denkens, und ist somit der intelligente Wegweiser der eigentlich blind einherschreitenden