616 Mutterkorn
beschimpfen, nur freilich nicht in der von Kindern gern gezogenen engen Schranke, als könnteder Muth fowol wie die Feigheit nur auf dem Gebiete körperlicher Bethätigung gesucht unS 9funden werden. Hier muß gleich erweiternd eingegriffen werden. Wir wollen nicht den M" ^eines Mucius Scävola von unsern Kindern verlangen, wir wollen auch nicht gleich von vollherein eine Muthsprobe beanspruchen, wie sie Campe nach einer Anmerkung in seinem Robmio ^an seine Kinder gestellt hat, obgleich diese ohne Murren sich 4—5 schadhafte Zähne auf ein'""herausziehen ließen; aber jedes Kind muß lernen Schmerzen ruhig zu ertragen. Ja es wkommenden Schmerzen ins Auge sehen können, ohne von der Bahn des Rechten abzuleD''Das letztere fordert namentlich die Treue gegen sich selbst, die Liebe zur Wahrheit, die st''dann nicht hintangesetzt werden darf, wenn wie bei der Strafe für ein Vergehen (s. tunangenehme Empfindungen die Folge sein sollten. In allen diesen Dingen muß die Fanu^sowol wie die Schule von einem regen Ehrgefühl durchdrungen sein, und es darf der Feigling in"ehalb dieser Gemeinschaften zu keinem Ansehen gelangen.
Hat nun endlich ein Kind im Laufe der ganzen Jugendzeit vielfache Gelegenheit gest'"^.,!sich muthig zu bethätigen, ist ihm die Feigheit dem Schimpf und der Schande gleich, so 11,0man doch ja nicht vergessen, daß mit zunehmendem Alter Ansichten und Neigungen sich ändekönnen. Eine Leidenschaft, anfangs leicht bemerkbar, kann an Macht so zugenommen ha^ 'daß die stärksten psychischen Kräfte gegen sie erlahmen. Die peinliche Vorsicht, welche sehe" ",sich das gayze Erziehungsgeschäft erheischt, muß daher auch hier Platzgreifen. Freilich läßt 1'auf dem Gebiete der Erziehung überhaupt nicht mit bestimmten Größen rechnen. Es bleibt s ^Leben oft eine Wirkung aus, die man mit Bestimmtheit erwartet hatte, und es treten hin'"^dernm Erscheinungen zu Tage, die den aufmerksamen Erzieher um so mehr überraschen, "davon in frühern Zeiten keine Spur wahrzunehnien gewesen. Es tritt dies namentlich dann e>'wenn der Mensch bei reifern Jahren der Vollendung der begonnenen Erziehung sich selbst u>nzieht. Eine klar und bestimmt zu Tage tretende Nothwendigkeit kann dann in einer kräftigNatur oft Wunder bewirken. Hier gilt denn das Wort Schiller's: „Eines Mannes Tugend 1probt allein die Stunde der Gefahr.
Mutterkorn. Besonders in Jahren, wo Feuchtigkeit und Wärme sich reichlich entw"
fiel"'
beobachtet man auf den Roggenfeldern oft ganz allgemein, daß einzelne Körner und selbstßere Mengen auf den einzelnen Fruchtständen ausnehmend verändert sind. Man findet a" ^Stelle der Normalkörner schwarzblaue, oft gekrümmte größere Massen, deren Gipfeltheil kapl"^schlafs und runzelig ist. Ab und zu hat ein Theil des Kornes die normale Textur eines Rog9^korns gewahrt. Zu gleicher Zeit findet man eine zähe, ekelhaft süß schmeckende Masse um riPKorn herum. Die zugehörigen Spelzen endlich sind oft wie mit Oel getränkt. Dieser umgew"^delte und überzogene Körper ist das Mutterkorn, 8ecale cornutum oder Olavus LecaiisOfficinen. Man hat nacheinander das Mutterkorn als Lolorotiuin Clavus DC., Sperrn 0 ^Clavus Fries, Sphacelia segetum Lev. bezeichnet, indem man es für einen Pilz ansah. And) ^nahmen nur einen pathologischen Zustand des Fruchtknotens des Roggens an, sei es durch Peinwirkung, sei es durch atmosphärische Verhältnisse, sei es durch Insektenstich. Es ist unsäglich "LZeit vergeudet worden mit Schreiben über diesen Körper, und in der alten Weise predigtejeder seine vorgefaßte Meinung. Endlich bemächtigte sich L. R. Tulasne vor 12 Jahren zuerst f (Frage als Naturforscher und ihm gebührt der Ruhm, überraschende Einblicke in das WesensPilze eröffnet zu haben. Wenn man junge Fruchtknoten des Roggens untersucht, so findetdaß Pilzmassen sich mit der Außenschicht des Gewebes desselben identificirt, dasielbe verdrängt
ergänzt haben. Die Samenknospe selbst wird in verschieden hohem Grade atrophisch. Die Pilz""ist schwammig. Die äußersten peripherischen Fäden bringen ellipsoidische Körner. Diese K?''"fallen in Masse ab und bilden den Hauptbestundtheil der bereits erwähnten zähschleimigen sümMasse, welche manche als Honigthau angesehen haben. Obschon sie zuerst als Spermatien a"9sehen wurden, hat doch schon Tulasne selbst angegeben, daß sie keimfähig sind und als St?sporen angesehen werden müssen. Diese Mutterkornbildung ist nicht auf den Roggen beschr""Sie kommt, wenn auch selten, auf Weizen und Gerste, auf Hafer und Mais, auf vielen > 1 ' 1wachsenden Grasarten vor. Am allermeisten erscheint der Wiesenfuchsschwanz (Alopecurus P*,tensis) mit Mutterkorn beladen. Wird nun ein solches Mutterkorn der Erde anvertraut, i° %es mehrere Monate, bis es, und in der Regel zu der Zeit, wo das entsprechende Gras ^ joder noch vorher, eine Masse Pilze ganz andern Ranges hervorkeimen läßt. Dies ist zuerst 1 ° ^auf der skandinavischen Insel Sjelland von Schumacher beobachtet worden. Dumöril, ,fanden dieselben Pilze auf Mutterkorn. Diese Pilzbildung zweiten Ranges gehört in die Gatt"