10 Palmen
verbunden, die höchsten Bäume erklimmen. Diese Träume bleiben leider fast alle unerfüllt; dasGelangen zur Blutenscheide ist, der großen Höhe wegen, unausführbar. In den Missions-ansicdelungen des Flußnetzes der Guyana befindet man sich unter Indianern, die ihre Armuth,ihr Stoicismus und ihre Uncultur reich und unbedürftig machen, sodaß weder Gold noch An-erbietungen von Geschenken sie bewegen, drei Spannen lang den Fußsteig, falls es einen gibt,zu verlassen. Solche unbezwingliche Kälte der Indianer erzürnt den Europäer um so mehr, alsman eben diese Menschenrasse mit unbegreiflicher Leichtigkeit alles erklimmen sieht, wohin dereigene Hang sie treibt, z. B. um einen Papagai, einen Jaguar oder einen Affen zu erhäschen,der, vom Pfeil verwundet, sich mit dem Rollschwanze vor dem Herabfallen schützt. In der Ha-vana prangten im Monat Januar, nahe um die Stadt, auf dem öffentlichen Spaziergange undden angrenzenden Fluren alle Stämme der Palma Real (unsere Oreodoxa regia) mit schnee-weißer Blüte. Viele Tage lang boten wir jedem Negerbuben, dem wir in der Gasse von Reglaoder Guanavacoa begegneten, 2 Piaster für einen einzigen Spadix der HermaphroditischenBlüte, vergebens!" — Erst in der neuern Zeit ist die rechte Freude an den Palmen bei unseinheimisch geworden. Und wenn Humboldt im Hinblick auf das ungesunde Tropenklima ver-sicherte, der Europäer wandele nicht ungestraft unter Palmen, so ist es jetzt eine Freude, dieMillionen leicht haben können, unter Palmen in Glashäusern zu lustwandeln. Für die Einfüh-rung der Palmen und ihrer Pflege hat die Familie Wendland in Herrnhausen bei Hannover woldas Meiste beigetragen; die bereits in dritter Linie einen Hofgärtner dort stellt, während der Hof-garteninspector Wendland noch den Garten dirigirt. Auch von Berlin aus ist manches ehedemfür Palmen geschehen, namentlich hat dort die Liebhaberei, Zwergpalmen im Zimmer zu ziehen,so üherhandgenommen, daß z. B. ein Palmenfreund da existirt, der eine ganz reiche Sammlungin seiner Wohnung pflegt. Köstliche Palmen hat Linden in Brüssel eingeführt. Neuerlich hatman sich auch eingerichtet, Palmen aus Samen zu ziehen, was sehr gut angeht, sobald nur derSame recht frisch und gesund, was der Palmenkundige schnell genug erkennt. Vor zehn Jahrengab es nach dem „Index Palmarum" von H. Wendland schon etwa 300 in Europa cultivirte Ar-ten, die sich besonders auf dem Continent fanden, da die Engländer, mindestens in ihren Privat-gärten, keine Neigung zur Palmcnzucht haben, indem ihnen diese Gäste zu rasch zu Kopfe wachsen.Gegenwärtig wird die Anzahl bedeutend höher sein. Zu dem schönen Luxus großer mächtigerGärten gehören die großen Palmenhäuser. Ein solches steht in Herrnhauscn bei Hannover. DerAnblick des herrlichen Palmenhauses, besonders von den Galerien aus, ist ungemein feierlich.Nur der Kundige wird aus seiner Stimmung allmählich gerissen, wenn er sich sagt, daß eS diehöchste Zeit ist, durch höhern Bau das Fortgedeihen dieser herrlichen Schätze zu garantiren.Denn gut cultivirte Palmen wachsen schnell und es gibt kein großes Palmenhaus, wo die Jn-sasien alle so munter gedeihen. Auch Berlin besitzt seit kurzem ein sehr großes und splendidesPalmenhaus, und darin unter anderm auch sehr schöne Pandanen. Dasselbe ist noch zu neu, alsdaß die Acten über dasselbe geschlossen sein könnten. Das berühmte große Haus von Kew/1848nach dem Plane von Decimus Burton vollendet, war lange Zeit, d. h. bis 1862, das Kleinodder Kew-Gärten, bis das noch räumlichere neue Orangerie- oder vielmehr Grünhaus ihm denRang streitig machte. Es ist viel großartiger als die besprochenen, es enthält ungeheuere Exem-plare, allein es ist zu groß, als daß es menschenmöglich schiene, die Luft feucht genug zu erhalten.Wie trocken sie ist, dafür sprechen die armen Baumfarrn, indem sie ihre kläglichen Wedel jammer-voll ausstrecken, solange sie eben noch strecken können. Wer freilich diese Details mit laien-haftem Blick übersieht, der wird einen unglaublichen Genuß empfinden. Kein Zweifel, daß manbei den gewaltigen Mitteln Kews und der Intelligenz der Vorstände, mit der Zeit eben nur diePalmen und andere Riesen da lassen wird, welche wirklich in dem herrlichen Raume gedeihen,der immer in seiner Art einzig ist. Die Glasmasse allein beträgt 45000 Quadratfuß. Die zweihöchsten Palmen sind zwei Cocos, plumosa und coronata. Die zwei dicksten sind Labial um-braculifera. Die Palmyra, Borassus flabelliformis, mit ihren gewaltigen Fächern, die Oel-palme Afrikas, Elaeis guineensis, die Wachspalme, Ceroxylon andicola, die Besenpalme,Attalea funifera, die gemeine Cocos, Oocos nucifera, und die Kohlpalme (Oreodoxa oleracea),bilden eine seltene Gesellschaft, neben der riesigen Zamia, Cycas, Bananen, Uranien und Stre-litzien. Und doch gibt es eine noch viel stolzere Sammlung auf der Erde, mit der keine zweitesich mesien kann: die des botanischen Gartens zu Boitenzorg auf Java, wo eine ungeheuereWaffe hochstämmiger Palmen nebeneinander im Freien stehen. Zu den seltsamsten Eigenthüm-lichkeiten der Palmen, die erst neuerlich ganz allgemein bekannt geworden, gehört auch, daß dievollkommenen Blütenscheiden mit einem Krachen sich öffnen, welches an einen Pistolenschuß erinnert.