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Volkswirthschaft
dieser nicht zu colonisiren suchen solle, daß vielmehr andere Naturgaben eigentlich wahre Befriedi-gungsmittel sind, ist schon vor Ouesnay von andern als von Sully erkannt und mit Nachdruckhervorgehoben worden, denn klare Köpfe und nüchterne Menschen mußten einsehen, welche Folgensolche Einseitigkeiten nach sich ziehen würden. So schreibt ein ungenannter Puritaner unter derRegierung Jakobs I. von England, indem er das Colonialprincip vertheidigt und die Colonisirungvon Virginien und die der Samoainseln empfiehlt: „Wer hat den: Gold und Silber ein Monopoldes Reichthums gegeben? Fragen wir nur den weisesten Rathgeber! Kanaan, Abraham's Ver-heißung , Israels Erbschaft, Abbild des Himmels und Freude der Erde: welches waren seine Reich-thümer? Waren es nicht die Trauben von Eschoel, der Balsam von Gilead, der nahe Cedern-wald des Libanon, das weidenreiche Thal von Jericho, der Thau des Himmels, die Fruchtbarkeitdes Bodens, die Milde des Klimas, das Fließen von Milch und Honig (nicht etwa von Gold-sand), die bequeme Lage an zwei Meeren und ähnliche Dinge, wie sie Virginien besitzt, aber invielen Stücken noch überlegen? Welches Goldland hat je auf einer so kleinen Fläche mit seinennatürlichen Vorräthen den hundertsten Theil der Menschen ernährt, welche David dort musterte?"Walter Raleigh macht aber schon in seinen „Ohservations touehinK trade and commerce withthe Holländer and ather nations" darauf aufmerksam, daß ein Land ohne Minen und ohneAckerbau an allen Befriedigungsmitteln Ueberfluß haben könne, wie es die Holländer beurkun-deten, nämlich durch ihre Handelsthätigkeit, also durch Arbeit und durch vernünftige Staats-maximen, durch Handelsfreiheit. Wie Colbert in der Praxis und die Physiokraten auf demPapiere nach gewissen Grundgedanken verfuhren, wie aber beider Systeme einseitige waren, sotrat nun der Schotte Adam Smith 1776 in seinem Buche „An Inquiry into the nature andcauses of'tlie wealth of nations" mit seinem System auf, nach welchem er die Arbeit als dievornehmste Productivkraft hinstellte, indem sie erst die Naturstoffe dem Menschen zugänglichmache, deshalb auch als die Quelle des Reichthums gelten müsse und wie die Arbeit durch dieArbeitstheilung zu erhöhter Productivität gelange. Er spricht deshalb die Nothwendigkeit aus,daß der Staat sich nicht für einzelne Gewerbe, sondern für alle gleichmäßig interessiren müsse,daß alle Hindernisse zu beseitigen seien, welche der Arbeit entgegenstünden, daß man die freieMitwerbung walten lassen müsse, und diese nicht blos im eigenen Lande, sondern auch über dieLandesgrenze herein und hinaus (Handelsfreiheit). „Die jährliche Arbeit eines Volks", so be-ginnt Adam Smith sein Buch, „ist der Fonds, welcher dasselbe mit allem Bedarf und allenGenußmitteln des Lebens versorgt, die es jährlich verzehrt, und die immer, entweder in demunmittelbaren Erzeugnisse dieser Arbeit oder in demjenigen bestehen, was für diese Erzeugnissevon andern Völkern gekauft wird." Sein System heißt deshalb auch das Jndustriesystem,Industrie in dem allgemeinen Sinne der Thätigkeit, der Betriebsamkeit, der Arbeit, genommen.Die von Smith aufgestellten Grundsätze sind immer mehr zur Geltung gekommen und seitdem inihren Einzelheiten weiter erörtert. Unter den Schriftstellern der Gegenwart ist keiner, der es soverstanden hat, die Wahrheiten dieses Systems und namentlich die Nothwendigkeit der Arbeits-freiheit in allen ihren Verzweigungen so klar und zweifellos nachzuweisen als der FranzoseFriedrich Bastiat (gest. 1850).
Ist nun wissenschaftlich erwiesen und durch die Erfahrung bestätigt, daß das Wohlbefindendes ganzen Volks wie jedes einzelnen Menschen dadurch am besten gefördert wird, daß die Hin-dernisse beseitigt werden, welche der freien Entwickelung der Persönlichkeit, der Geistes- undKörperkräfte des Menschen entgegenstehen, so ist es als oberste Aufgabe derVolkswirthschafts-pfleg e zu betrachten, nach dieser Seite hin ihre Thätigkeit zu entfalten und dem einzelnen nurda eine Grenze zu setzen, wo aus dieser persönlichen Freiheit eine Ungerechtigkeit erwüchse, woein Misbrauch der Freiheit und eine Beeinträchtigung Gleichberechtigter sich zeigt. Der Arbeits-freiheit entgegen sind die alten Gewerbegesetzgebungen, wie sie in Preußen, Baiern und Han-nover bestehen, wo das Zunftwesen noch vorhanden ist, während im Laufe der letzten Jahre inDeutschland eine Reihe neuer Gesetze erlassen sind, welche als Grundsatz die Arbeitsfreiheit auf-gestellt haben (Oesterreich und Nassau 1860, Bremen und Oldenburg 1861, Königreich Sachsen,Würtemberg und Baden 1862, Grohherzogthum Sachsen, die Herzogthümer Sachsen-Meiningen,Sachsen-Koburg und Gotha, Sachsen-Altenburg, ferner Waldeck und Reuß jüngere Linie 1863,Frankfurt 1864). Hindernd sind ferner Monopole, das Patentwesen, hohe Zölle und die Ab-hängigkeit des Gewerbebetriebs von obrigkeitlichen Concessionen; wo gewisse Bürgschaften demPublikum unvermeidlich gegeben werden müssen, da ist ein Gesetz zur Richtschnur für alle erfor-derlich. Neben der Arbeitsfreiheit muß die Kapitalfreiheit bestehen, sie ist die nothwendigeFolge jener, Zinstaxen und Wuchergesetze (s. d.) sind schädlich. Jede nur mögliche Verkehrs-