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Encyklopädie der Forstwissenschaft / von G.W. v. Wedekind
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Die Forstwissenschaft

die uns gesteckten Grenzen, um nur einigermaßen in den Gegenstand und seinepraktischen Beziehungen einzugehen, überschreiten würden.

§. S. Aur der Lebensgeschichte der Holzarten.

1) Das Keimen des Samens erfolgt bei allen Holzarten im Allge-meinen unter ähnlichen Bedingungen gewöhnlich binnen 4 bis 6 Wochen imFrühjahre; bei manchen Holzarten (z. B. Hainbuche und Esche) meistens erstim zweiten auf den Abfall des Samens folgenden Frühjahre, welche Erschei-nung (das Ueberliegeu) nach Umständen auch bei mehreren anderen Holzarten(z. B. Lärche, Kiefer) ausnahmsweise eintreten kann; bei manchen Holzarten(z. B. Ulme), deren Same im Vorsommer noch reist, meistens sogleich in dem-selben Sommer. Manche Holzarten (z. B. Buche, Ahorn) bringen im Keimendie Samenlappen (Kotyledonen) aus der Erde hervor, andere (z. B. die Eiche)lassen diese oder die Kernstücke in der Erde zurück.

2) Die Ernährung aus Wechselwirkung der Blätter und Wurzeln, inFolge hiervon Aus- und Absteigen des Safts und aus dessen Verdickung (Zel-lenbildung und Ablagerung von festen Stoffen) hervorgehend, bezweckt dieErhaltung und das Wachsthum, d. h. die Art, wie Zunahme der Dicke undLänge, theils zu bestimmten Jahreszeiten periodisch, theils allmählig erfolgt,verschieden bei Knospe, Ast, Schaft, Wurzeln. Charakteristisch für unsere Holz-arten ist das Anlegen eines jährlichen Holzrings zwischen Rinde und Holz,wodurch, im Allgemeinen betrachtet, die Vergleichnng des Holzkörpers der Bäumemit der Einschachtclung von kegclähnlichen'Holzschichten und die Bemessung desAlters dieses Holzkörpers nach der Zahl seiner Jahrringe zulässig wird. Vonder Dicke des jährlichen Rings nebst der Größe des Höhentricbs hängt dieGröße der jährlichen Massenzunahme der Stämme ab; der Höhenwuchs gehtaus Verlängerung des oberen HanptasteS durch JahreStriebc hervor, sich ammeisten auszeichnend bei den Nadelhölzern. Der Wachsthums gang ist derFortschritt und Grad der Geschwindigkeit der Entwicklung und der Holzgchalts-zunabmc aus den verschiedenen Lebensstnfen. Jede Holzart hat ihren eigen-thümlichen Gang, welcher jedoch durch Klima, Lage und Boden (Standort ins-gemein) wesentliche Aenderungen erleidet. Holzarten ans nördlichen Zonen oderhöheren Regionen nehmen bei ihrer Versetzung in südlichere (wärmere) Zonenund niedrigere Lagen einen rascheren Gang der Entwicklung, in Frühreife aus-artend, an, und erreichen desto früher den Kulminationspunkt ihres Wachsthums.Dieses zeigt sich am meisten bei der Lärche und Birke, am wenigsten (vcrhält-nißmäßig zu ihrer Verbreitung nach Norden und im Hochgcbirg) bei der Fichte.Manche Holzarten, z. B. die Fichte, wachsen in der Kindheit sehr langsam,holen aber schon im Jünglings- und angehenden Maunesalter die ihnen vor-geritten Holzarten, z. B. die Kiefer, ein.

3) Das Alter der sogenannten Mannbarkeit, die Altersstufe, wanndie Erzeugung keimfähigen Samens beginnt, bei den meisten Holzarten 40 60Jahre, wird aus ähnlichen Ursachen beschleunigt. Die Lebensdauer, derenunbestimmte Länge die Bäume vor anderen Pflanzen auszeichnet, begründet,obgleich die Zeit der vvrtheilhastestcn Haubarkeit früher eintritt, immerhin wegender verhältnismäßigen Länge auch dieser Zeit, eine der wesentlichsten Verschie-denheiten zwischen Land- und Forstwirthschaft. Unsere meisten Holzarten könnenmehrere Jahrhunderte leben, z. B. die Eichen bis zu 600, 800, ja 1000 Jah-ren; das niedrigste Alter erreichen in unserem Klima Sahlweide, Aspe, Birke,nämlich 50, höchstens 100 Jahre.