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Erster Teil. Von den ältesten Zeiten bis zur Erfindung der Logarithmen / von Dr. A. von Braunmühl
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6. Kapitel.

im Besitze derselben Methoden wie jene waren. Da nun aber aufihrem Wissen hauptsächlich das des christlichen Mittelalters bis her-ein in die erste Zeit des Wiederaufblühens der Wissenschaften inEuropa beruht, so werden wir sehen, dafs es noch geraume Zeitdauerte, bis die abendländischen Gelehrten sich zu den Kenntnissenaufschwangen, wie sie Na&ir Eddin längst besessen hatte.

6. Kapitel.

Das christliche Mittelalter.

§ 1. Die Lateiner vom 5. bis zum 12. Jahrhundert.

Die Griechen in Byzanz.

Während die astronomischen und in ihrer Begleitung die trigono-metrischen Kenntnisse der asiatischen Völker, wie die vorhergehendeSchilderung zeigte, aus dem fruchtbaren Erdreiche der griechischenund indischen Wissenschaft emporgewachsen waren und sich durchintensive Pflege zu einer kräftigen Pflanze entfaltet hatten, sahenwir schon im dritten Paragraphen des zweiten Kapitels, dafs dieidealen griechischen Wissenschaften bei den nur auf das Praktischebedachten Römern keinen Boden fanden. In der That zeigen auchdie geodätischen Schriften der römischen Feldmesser, ja selbst diegriechisch geschriebenen Kesten des Sextus Julius Africanus (deralso wahrscheinlich ein Grieche war), dafs man sich bei Höhen- undDistanzmessungen noch immer der einfachsten geometrischen Be-ziehungen bediente 1 ), ohne die feineren trigonometrischen Rech-nungen zu Rate zu ziehen. Für die Astronomie aber, an der ja beiden Griechen und den Völkern des Orients unsere Wissenschaftherangewachsen war, konnten die Römer sich nur insoweit be-geistern, als sie ihnen zur Kalenderberechnung notwendig war.

Als dann das morsche Römerreich unter dem Anstürme dergermanischen Völker zusammengebrochen war, da konnte erst rechtvon einer Pflege der Astronomie, wie überhaupt der Wissenschaften,keine Rede sein, da sie ja alle des ruhigen Friedens, wie der Gunst

1) Sextus lebte um die Zeit des Kaisers Alexander Severus, der 220bis 238 regierte. Näheres über sein Werk bei Canfcor I. 409411. Der Textder Kesten (Werts: = Aneinandergebeftetes) ist von Vincent mit französischerÜbersetzung herausgegeben in Notices et extraits des manuscrits de la Biblio-theque imperiale, XIX. Partie 2. Paris 1858. 407415. Hier führt Vincentauch noch verschiedene Messungen an, die in einem anonymen Manuscript ent-halten sind; auch sie bedienen sich nur der geometrischen Ähnlichkeit.