Band 
Zweiter Band.
Seite
754
JPEG-Download
 

Wollcngarn

Wollenband 754

Deutschlands ist, so muß doch England jährlich noch75 Mill. Pfd., Frankreich 45 Mill., Deutschlandund Belgien 50 Mill. Pfd. vom Ausland kaufen,selbst wenn sie ihre im eigenen Lande erzeugtenWollen vollständig consumirten. Dazu kommt,daß die Wollconsumtion fortwährend steigt und daßsich neue Märkte für europäische Wollenstoffe inChina, Japan u. s. w. eröffnet haben. Die Woll-crzeugung der südlichen Hemisphäre, so bedeutendeFortschritte sie gerade in der neueren Zeit gemachthat, kommt doch nicht in Vergleich gegen die enormeWollerzeugung Europas. Letztere läßt sich zwarstatistisch nicht genau feststellen, man kann sie nurdurch ungefähre Schätzung aus dem statistisch ge-nauer festgestellten Schasbestand erschließen. Nachden neuesten Ermittelungen, gegründet auf dieglaubwürdigsten Zahlenangaben, erzeugt Groß-britannien jährlich 260 Mill. Pfund preußisch,Frankreich 123 Mill., Deutschland nebst Oesterreich,Belgien und Holland 200 Mill., Spanien 62 Mill.,Italien 40 Mill., Portugal 17 Mill., die europäischeTürkei 43 Mill., das europäische Rußland 125 Mill.Pfund u. s. w. Ueberhaupt rechnet man als die ge-ringste Summe der jährlichen Production Europas803 Mill. 270,000 Pfd. Wolle heraus, und dies istdas Sechsfache der bisherigen Production der süd-lichen Hemisphäre, Die vereinigten Staaten Nord-amerikas besaßen im Jahre 1861 30 Mill. 264,674Schafe, und man schließt daraus auf eine Wollpro-ductiou von 95 Mill. Pfd.; die britischen Be-sitzungen Nordamerikas liefern etwa 12 Mill. Pfd.In Nordafrika kommen Algier mit 18 Mill. Pfd.,Tripolis mit 9 Mill., Marokko mit 12 Mill., außer-dem Tunis und Aegypten in Betracht. Die Ge-sammtproduction Nordamerikas würde sich auf49 Mill. 300,000 Pfd. belaufen. Auch Asien besitzteine bedeutende Wollproduction, von Schafen, Ka-meelen, Ziegen u. s. w., und viele Länder Asienszugleich eine bedeutende Wollenfabrikation; Angoraund Umgegend verfertigt Kamelotte und Shawls,Kleinasien" unzählige Teppiche, desgleichen Persien,die Länder um Herat; in der Mongolei, im tibeta-nischen Hochland werden wegen des kalten Klimaswollene Stoffe getragen. Man nimmt die Woll-production der asiatischen Türkei auf 100 Mill. Pfd.,Persiens auf 50 Mill., des asiatischen Rußlands auf60 Mill., der kleineren asiatischen Reiche auf 60Mill., Tibets und der Mongolei auf 200 Mill. Psd.,überhaupt also die Wollerzeugung Asiens auf470 Mill. Pfd. und die jährliche Gesammtproductionder Erde an Wolle auf 1676 Mill. 770,000 Pfd.an. — Die bedeutendsten Wollmärkte in Deutsch-land haben Berlin und Breslau; auf dem ersterenwerden gewöhnlich ca. 65,000, auf dem letzterenca. 55,000 Ctr. abgesetzt, aber auf den BreslauerMarkt kommt mehr hochfeine Wolle, als auf denBerliner. Außerdem sind die wichtigsten: in Stet-tin mit ca. 22,000 Ctr., in Landsberg a. v. Wartheund Posen, jeder mit ca. 14,000 Ctr., in Kirchheimunter Deck in Württemberg mit ca. 12,000 Ctr.Sie werden jedoch alle weit von den beiden Woll-märkten übertreffen, welche jährlich in Pesth gehal-ten und aus denen gegen 200,000 Ctr. abgesetztwerden.

Wollenband wird in sehr vielen Arten undQualitäten verfertigt und bildet äu mehreren Ortenin Deutschland einen nicht unbedeutenden Fabrika-tions- und Ausfuhrartikel. Dies ist besonders derFall in Elberfeld, Barmen, Berlin und Stettin in

Preußen, in der Gegend von Radeberg "und Puls-nitz in Sachsen, in Tauß in Böhmen, in der Gegendvon Wien und an einigen anderen Orten inNieder-österreich, in Göppingen in Württemberg rc.

Wollengarn, aus welchem Tuche und anderewollene Zeuge gewebt werden, wird jetzt fast durch-gängig auf Maschinen gesponnen und zerfällt in3 Classen: Streichgarn, Halbkammgarnund Kammgarn. Zum Streichgarn (engl.Woollen, franz. Laino cardee), welches zur Verfer-tigung von Tuchen und ähnlichen starken, gewalktenund gerauhten Zeugen verwendet wird, nimmt mandie Wolle wie sie vom Schafe kommt, lange undkurze untermischt, und nur nach der Feinheit sortirt;sie wird auf einem sogenannten Wolf oder einergroßen Krempelmaschine gelockert und kardätscht, sodaß sie ein gleichförmiges Vließ oder ein offenesbandartiges Vorgespinnst bildet, aus welchem dasGarn gesponnen wird. Der vorzüglichste Zweck derBearbeitung ist, dem Garne die Eigenschaft derWolle, sich leicht zu verfilzen, in ihrer ganzen Stärkezu erhalten. Meist spinnen die Tuchfabriken ihrenBedarf von Streichgarn selbst, doch gibt es auchhier und da besondere Spinnereien dafür. Gewöhn-lich wird das Garn zur Kette rechts, das zum Ein-schuß links gedreht, oder auch umgekehrt. Zu Fla-nellen und ähnlichen Zeugen, sowie zu langhaarigenMäntelstoffen wird gewöhnlich Gerber- oder Sterb-lingswolle verwendet, weil sie sich weniger zusam-menwalkt und überhaupt weniger filzt. Auch znverschiedenen gemischten Geweben und gezwirnt zuStrickgarn wird das Streichgarn häufig verwendet.Im nördlichen und mittleu Deutschland wird dasStreichgarn meist auf den niederländischen oderCockerillschen Haspel gewunden, dessen Umfang21/2 Ellen preuß. beträgt; 220 Fäden bilden einGebind und das Stück hat 4 Gebind. Die Feinheitdes Garnes wird nach der Anzahl Stücke bestimmt,die zusammen 1 Pfd. wiegen und man hat daher2, 27-2 3, 372 . 4 bis 18stücklgcs Streichgarn. Dochist der Umfang des Haspels und die Eintheilung inDeutschland nicht überall gleich. — Znm Halb-k a m m g a r n (engl. Oardeä, franz. Carde peignee)wird die Wolle ebenso behandelt, wie zum Streichegärn, aber anstatt in ein lockeres Vließ oder inschmale Vorgespinnstbänder, in mehrere Zoll breiteBänder verwandelt, die man gestreckt durch heWWalzen gehen läßt, wodurch die Fasern geradelegt und entfilzt werden. Beim Feinspinnen werdendie Fasern möglichst ausgedehnt und dem GaruGlätte gegeben, so daß es sich im Ansetzn dem wirk-lichen Kammgarn nähert, ohne ganz dessen Härte,Feinheit und Gleichheit des Fadens zu erhalten,weil die kurze Wolle, die Knötchen und KnispeUl(der Kämmling) nicht vorher von der Wolle entfermwerden. Man verwendet es zu ähnlichen, aber stä^keren und weicheren glatten Zeugen, wie dasKainn^gärn und besonders zu gemischten Stoffen und auchgezwirnt zu Strumpfgarn. Kammgarn, auchSahe-, Sahet- oder Soyegarn genannt (e»P'(Worstcd, franz. Laine peignee), zerfällt in h a r ^tes und weiches. Zum harten oder eigeutl^ch en Kammgarn (engl. hard Worsted) nimmt maneine von Natur glänzende und lange Wolle vonicht bedeutender Feinheit, weil diese meist wemg^mit Wolle von kurzem Stapel untermischt ist. 7wird hauptsächlich in England gesponnen und 9Damasten, Orleans und anderen glänzenden ^"7^und gemischten Kammgarnzeugen verarbeitet. &