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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Mittlere Geschichte.

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bis das gesammelte Heer gegen ihn aufbrach. So entstand die Burg, dieStadt endlich, deren Hauptcharakter noch lange fort Mauer, Wall und Grabenblieb. Die Bewohner derselben waren aho ursprünglich Freie (inilitss dur-xsnses). Sie trieben auch indessen bald in den Tagen des Friedens nebenBurgdienst mancherlei Gewerbe, so vorzüglich Viktualien erzeugende. ^Sieließen von ihren Leibeignen Bier brauen, mahlen und Fleisch hauen, besaßendas Schuhmachergewerb und verlegten sich insbesondere sehr auf den Handel.Ihre Rechte gegenüber den Landfrcien dehnten sich durch Macht, Reichthumund Bündniß, vor Allem aber durch geldbedürftiger Kaiser und Fürsten Gunstbedeutend aus (Stadtrecht, Meileurccht rc.). Sie nahmen die sich aus demHerrendienst des Landes flüchtenden Unfreien aus, gewährten Schutz und vieleVergünstigung, besaßen selbst Land im weiteren Stadtbann und bearbeitetenes auf die musterhafteste (gartcnmäßige) Weise, die für damals bekannt ist,gleichstehend hierin mit jener berühmten, intensiven Kultur des flämisch-belgi-schen Landes das eben sehr von alten Reichs- oder Freistädten wimmelt. Soum Magdeburg, Erfurt, Bamberg, Nürnberg, Ulm und andern, wo Anbauvon Gartenfrüchten und Haudelsgewächsen, Krapp und Saflor, Waid, Wau rc.und freie Wirthschaft mit Stadtdünger sehr alt ist.

Die Verdrängung des Waids durch.Indigo gegen Ende des siebenzehn-ten Jahrhunderts wirkte indessen für die thüringischen Anbauer desselben nichtwenig empfindlich. Und wieder ist klar, daß die höhere Industrie der Städteeinen höheren Werth landwirthschaftiichcr Produkte verschaffte, daß der so aus-gedehnte Leinbau (Hannover, Westphalcn rc.) eine schon sehr gut fundirte Bo-denbearbeitung voraussetzte, aber allen diesen Wahrscheinlichkeiten steht dochin keinem besonderen Werke oder in genaueren Nachrichten der specielle Nach-weis zu Gebote, wie dieß doch in Frankreich und England der Fall ist. Längerals irgendwo spukte der Dämon humanistischer Doktrinen in Deutschland undhielt alle geistige Bewegung für materielles Wohl ab! Doch muß gestan-den werden, daß wir wohl nicht viel unseren Nachbarn zurückgestanden wären,wären die im sechzehnten Jahrhundert bereits betretenen Wege nicht durch dieUngewitter des siebenzchnten Jahrhunderts so sehr und bis auf den Grundwieder vernichtet worden.

Der Landfrieden, bessere Justiz- und Polizeiverfassung, Landesordnungen, Bearbeitung und Uebcrsctzung der römischen Autoren über Landwirthschaft,selbst eigene schwache Versuche, wie wir oben zeigten, bedeutende Schafzuchtim Norden und großer Anbau von Fabrik-, namentlich von Färbepflanzen, sehrausgedehnte Bienenzucht und selbst die ersten Versuche vou Seidenzucht(vr. Libavius 1599) das sind hervorstehende Punkte in den Bewegungen deut-scher Agrikultur zur höhern Dignität! Wird man nicht auch dazu die freiereRegung der Gedanken seit derzeit der Reformation, Abschaffung von Wall-fahrten und zu vielen Feiertagen, hieher setzen müssen? Vor Allem aber istzu rühmen, was Churfürst August von Sachsen und sein KammerpräsidentAbraham von Thumshirn that für Hebung der Landwirthschast. Er leibstschrieb über Haushaltungskunst. . .

Der hohen Begünstigung freieren Lebens in industriellen und Hanveltrei-beuden Städten schloffen sich bezüglich der leibeigenen Landbauern die Klosterzum Theil an, nicht wohl aus freiem Willen, sondern der Unmacht halber,uie sie dem habgierigen Laien, dem raub- und kriegslustigen Landfreien gegen-über trcff und sie nöthigte, in ihren Eigenen sich eine geneigte und kräftigeSchutzwehr zu schaffen. Zudem waren die Klöster und Stiftungen ancb durchSchenkungen der Großen bald sehr reich geworden, und somit zur milden Bei-