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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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43
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Mittlere Geschichte. 43

Grunde und verlor man den Haupthandelsweg aus Italien her, vernichteteder Bauernkrieg und die Tyrannei der Höheren alle Möglichkeit der Entwick-lung eines eigentlichen Standes wohlhabender Landleute, lagen Kaiser undReich, Adel und Geistlichkeit in Religionsspaltung und ewiger Fehde

Alles, was das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert gelassen hatte,war nun fast bis auf die Spur wieder ausgerottet worden. Erst nach demFrieden (1648) tauchen wieder einzelne Bemühungen aus, die Uebel zu heilenund den fortschreitenden Nachbarn nachzuhinken. Namentlich that Sach,en viel(Herzog Ernst und sein Minister von Seckendors); nicht minder Churfürst Fried-rich Wilhelm von Brandenburg, der Sümpfe und Moräste austrocknen, Neu-rodungen anlegen ließ; selbst eine besondere Ackcrordnung (oillümtio nZrarm)ward früher in Braunschweig, wie Bauer- und Schaferordnung in Pommernerlassen (die Herren von Podewills). Auch an ein verbessertes Ackersvstemward jetzt gedacht und Pfalzgraf Franz Philipp (Florinus) suchte schon einetiefere Bodenbearbeitung durch einen doppelfurchigen Pflug zu bewirken. Jo-seph Lokatello, ein kärnthischer Ritter, erfand die erste Säcmaschiue undmachte 1665 Versuche vor dem Kaiser bei Wien und erzielte sechzigsältigeErnte! (Rössig).

Spanische Hengste werden.in die Gestüte gebracht (Sachen, Württem-berg und vorzüglich Churpfalz). Wiederaufnahme der Bienenzucht lMuskauerZeidlcrgesellschaft, Meißen, Brandenburg), Einführung der Scidenzucht (amRhein, in Württemberg, der Pfalz, Sachsen und Brandenburg), neue Hopfen-und Weinanlagen gehörten neben Wiederaufnahme des Anbaues der Färbe-pflanzen zu den vorzüglichsten Bestrebungen der deutschen Landwirthschast zuEnde des siebcnzehnten Jahrhunderts und zu Anfang des achtzehnten. DerAuswanderung der durch religiöse Unduldsamkeit Vertriebenen (Waldenscr, Salz-burger, Hugenotten) wird ein großer Einfluß auf Hebung des Ackerbaues undder Industrie zugeschrieben.

Arthur Uouug und Thouin behaupten, Frankreich sei das für Land-wirthschaft geeignetste Land von Europa. Dennoch haben weder sein günstigesund mannigfaltiges Klima, seine Lage an sehr besuchten Meeren, seine vielenschiffbaren Flüsse, der gute Boden und frühe Erstarkung monarchischer Prin-zipien mit Ordnung und Rechtspflege, dennoch haben alle diese Vortheile erstspät auf Hebung der Landwirthschast dort gewirkt. Erst unter Heinrich IV.zu Anfang des fiebenzehnten Jahrhunderts begann französische Landwirthschastzu blühen und mit Recht wird Olivier de Serres (1600) für den Vater ihrer

landwirtschaftlichen Doktrin angeführt.

Lange vorher schon unter Ludwig XI. war aber die Scidenzucht,welche später eine so große stahl von Bewohnern nähren sollte, nach Frankreicheingewandert. Diese sowohst wie landwirthsckaftliche Interessen überhaupt fan-den an dem weisen Sully ihren verständigsten Beförderer. Nach der eigenenAeußerung dieses Heroen unter den Ministern hatte Frankreich zu seiner steckUebcrfluß' an Getreide, Hülsenfrüchten, Wein, Cider, Flachs, Hanf, Salz,Wolle, Ocl, Färbekräutern, Vieh und allen Dingen, die zur Nothdurft und Be-Vieuilichkeit des Lebens gehörten, und führte selbst einen Theil davon aus.In der That führte Frankreich schon 1621 viel Getreide nach England aus,Nachdem Sully den Getreidehandel freigegeben hatte. Die Trockenlegung vonSümpfen begann (1641) und die Grundsteuer für Neubrüche ward auf zwanzigJahre hin erlassen (1656). ^ ^ <

Eolberts Merkantilsvstem aber und das Verbot der Getreideausfuhr!ur Zeit der Minderjährigkeit Ludwigs XIV. wirkte Anfangs sehr nachtheilig