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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Neueste Geschichte.

Alles bisher zumeist den Pflanzenbau Betreffende nun war es, wasThaer's Grundlagen bildete, auf die er sein ganzes Leben lang fortbaute undderen Endresultat hieß: der rationelle Ackerbau erreicht seine höchste Aufgabedurch Gewinnung der größten Masse zur thierischen Nahrung geeigneter Pflan-zen auf einer bestimmten Fläche Landes. Dieß eben bildete das Haupt-Anomseines Systems; seine Wirthschaft sollte im strengsten Sinne intensiv seinund bleiben. Fruchtbau und Viehhaltung im rechten Maaße das war dieLosung! Ob er die Aufgabe gelöst, und wie weit unser Cerealienbau intThaer's Zeiten vorgeschritten, in wie weit sich die Viehzucht gehoben habe,mag später zur Erörterung kommen. Jedenfalls war sein Lob des Kartoffel-baues auf theilweis unbegründete Prämissen gestellt.Der Kartoffelbau istmein Kind!"

Ein anderes Problem ferner war ihm, die verschiedenen Fruchtkräfte jedesBodens für die verschiedenen ihrer bedürftigen Fruchtartcn soviel als möglichund in einer der Regeneration des Absorbirten günstigen Wechselfolge zu be-nutzen. Brache entbehrlich! (siehe Fruchtfolge.) Sehen wir nun, wie fernerThaer im Besondern für Viehzucht refvrmirend wirkte.

Recht als ein treuer Bewunderer Bakewell's und derBreeder" hatteThaer vorzüglich der Schafzucht sich mit Vorliebe gewidmet, ohne gleich An-fangs noch den Geist der Zeit zu erfassen, der sich in poouarlls auf edleSchafhaltung mit Vorliebe geworfen hatte. Mehr noch auf englischen Grund-sätzen ruhte sein Gebäude, obgleich er eingestellt, daß die englische, bloß aufMästung und Neischcrzeugnng fteculirende'Manie für uns ohne Interesse sei,ja daß diese allzuweit getriebene Feinheit im Züchtungswcsen bereits schon um1790 in England selbst Widerspruch gefunden habe (Elliot). Doch auch noch1812 redet er der Mästung das Wort:nur der Ueberschuß über die höchsteNothdurft bringt Vortheil; was nur aber das Leben des Thieres hinzuhaltenvermag, ist in gewisser Hinsicht ganz verloren." (Ration. Landw. IV. S. 258.)

Durch seine Uebcrsiedlnng nach Mögclin war Thaer mit der hochstehenden,auf feine Wolle zunächst speculirenden Schafzucht Mitteldeutschlands besser be-kannt geworden. Rasch auch faßte er den Gedanken, daß nur durch politischeund Handelsconjunkturen das Schaf bei den Landwirthen durch ganz Europazu höherer Achtung gekommen sei, als das Rindvieh, und fortan ward er derSchafzucht mit vorwaltender Neigung ergeben. Welche Irrungen überhauptund auch hierin geschlichtet werden mußten, ist durch die Gegner Thaer's, zu-nächst durch den trefflichen v. Ehrenfels bekannt geworden und in der That,Thaer's ältere Ansichten über Kreuzung, Bildung und Erhaltung von Racenüberhaupt ließen Vieles zu wünschen übrig. Zwar machte er wohl mit Rechtaus die größere Konstanz der Schafracen trotz Klima und Nahrung aufmerk-sam, aber seit 1821 huldigte er doch dem Satze Pictet's, daß vor Allemreine Stammschäfereieu nöthig seien, in welche sich auch mütterlicherseits keinfremdes Blut eingemischt habe, selbst dann, wenn man nicht aus Merino-Einführung, sondern nur auf Veredlung hinarbeiten wolle. Ob und wann einbloß veredelter Landstamm Beständigkeit erhalte, sei moch ungewiß.

Genug, Thaer wurde General-Intendant der königl. preußischen Stamm-schäfereien, schrieh trefflich über Schafzucht und waS viel mehr ist hattein Berlin und Leipzig die feinste Wolle auf dem Markte; stiftete einen VereinM Veredlung der Wolle und endlich 1823 den W ollzüchter-Lonvent,her zu Leipzig abgehalten ward, zunächst um die Intelligenz hierin zu verall-gemeinern und die Producenten mit den Wollenhändlern und Fabrikanten innähere organische Verbindung zu bringen. Die erste Grundlage zur Festsetzung