Neueste Geschichte.
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Kreise und ihre Erfahrung beschränkten Landwirthschaft. Und ist es denn Thaerselbst möglich gewesen, diesen provinziellen Geist weithin zu übermeistern? Wirddieß bei unserm Mangel geographisch- und historisch-landwirthschaftlicher Werkebei der so großen Abhängigkeit unserer Operationen vom Klima so bald mög-lich sein? Laborircn nicht noch ganz andere Wissenschaften an demselben Uebelund sind wir in aller unserer Weisheit weit über Europa's Marken und selbstnoch in einzelnen Theilen dieser wieder hinausgekommen? — Schwerz hat selbstin seinem allgemein gültigen Werke — der Anleitung zur praktischen Land-wirthschaft — selten und wenig der theoretischen Begründung, wohl aber umso mehr der praktischen Erfahrung gehuldigt; — für diese ist er der culmini-rende Ausgang geblieben, wie Thacr für die theoretisch rationelle Methode.Hähern und weiter geltenden Standpunkt hat offenbar Thaer sich gewonnen,den sicherern und zunächst nützlichern aber Schwerz. Recht bezeichnend für denKenn nachfolgender Entwickelung höhern landwirthschastlicken Geistes ist dasStreben beider Männer, durch Gründung von Instituten und Schulen ihrerLieblingswiffenschaft vorsorgliche Pflege und sichere Verbreitung zu schaffen.Verallgemeinung landwirthschaftlichen Studiums und östentlichc Pflege in Schu-len, Versammlungen und Vereinen sind ein charakteristisches Merkmal unsererTage bezüglich des Ganges, der Laudwirthschastsgeschichte selbst in Deutschlandzumal. Hierin auch hatte ein Zeitgenosse Beider höchst Rühmliches geleistet, —wir meinen den verdienstvollen Fellenberg.
Emanuel von Fellenberg, geboren 1771 aus altpatrizischem Ge-schlechte zu Bern, war Pseffel's Zögling und ergab sich freiwillig schon im sech-zehnten Jahre pädagogischen Studien — so ernstlich zudem, daß er erkrankte.Nach seiner Genesung beschloß er, allem Wohlleben zu entsagen, sich mit dereinfachsten Kost zu begnügen und sich ganz unabhängig von allen erkünsteltenBedürfnissen zu machen — ein Grundsatz, den er wohl ausführte und in vielenseiner späteren Unternehmungen zur Grundlage nahm. Humanistische Studientrieb er mehr privatim, als auf Schulen, machte Reisen durch die Schweiz,bezog deutsche Universitäten, studirte zu Tübingen die Rechte, eifriger aber nochPhilosophie und Politik.
Von einer neuen Krankheit genesen, setzte Fellenberg seine Wanderungdurch zehn Jahre lang in der Schweiz herum fort mit der Hauptabstcht, dasVolk und seine Zustände gründlich zu erforschen, um ihm später helfen zu kön-nen. „Bei diesen Reisen," sagt sein Biograph in den ökonomischen Neuigkeiten"von 1844, „versagte er sich jeglicbe Bequemlichkeit, ging stets zu Fuß, seinGepäck auf dem Rücken, theilte Nahrung, Arbeit und Bett der Landleute;"ffwz nach Robespierre's Sturze kam er nach Paris (1795), bildete sich bedeu-tend m den Sitzungen des Comitö für den öffentlichen Unterricht, denen eranwohnte und die Vortrage des Abbe Gregoire weckten in ihm die für seinganzes Leben entscheidend wirkenden Ideen. Dabei aber blieb Fellenberg Pa-triot, durchschaute die französische Politik bezüglich der Schweiz, kehrte schleunigzurück, verkündete das bevorstehende Unglück und forderte auf, Einheit herzu-stellen zur kräftigen Abwehr, zunächst durch Aufopferung der Patrizicrvorrcchte,welche das Volk empörten. Allein so verhaßt bei den Patriziern und verfolgtvon den einbrechenden, siegreichen Franzosen, kam er bald in Ketten, bald inlebensgefährliche Flucht, ward proscribirt — endlich wieder begnadigt.
Zurückgekehrt beschloß er seine Licblingspläue zu rcalisiren — die Erzie-hung des Volkes zu verbessern. Er hatte den Wplhof erkauft und gründetenun dort seine Erziehungsanstalt Hoswyl. Bekanntlich hatte 1804 Pcsta-lozzi nahe bei Hoswyl in München-Buchsee sein Institut. Fellenberg strebte