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Die Landwirthschaft.
Verwickelungen galt oder neue Entdeckungen betraf. Davy in England, wieChaptal in Frankreich, Einhof und Hermbstädt in Deutschland hatten die Bahngebrochen und agrikulturchemisches Forschen in's Laboratorium gebracht. Dochversäumten sie nicht, die physikalische Wirkung des vorliegenden Rohmaterials,Dünger und Boden zumal, gehörig zu würdigen. Je mehr aber die folgendeZeit hievon abging, um so deutlicher zeigte sich bald die Trennung der Forscherin zwei Parteien, wovon die eine die vorwaltend physikalische mit Sch übleran der Spitze, die andere die chemische oder Rnckert-Liebig'sche genanntwerden kann. Beide Parteien agiren noch bis zur Stunde im Vordergründeder literarischen Schaubühne, die physikalische mit der empirisch-praktischenSchule und den Jüngern der neuern Betriebslehre im Bunde, die chemischemit dem reichen Zuflüsse junger, mehr spekulativ noch und theoretisch rüstigerGeister. Doch aber hat sich in neuerer Zeit die Wagschale zu Gunsten derersteren gesenkt.
Wo denn wohl die Ursache lag dieses heftigen Sturmes im neuesten De-cennium, der das Gebäude bisher gültiger Laudwirthschastslehre so ganz imGrunde zu erschüttern schien und mit gähcm Untergänge drohte? Haben dochauch andere Meister paradoxe und dem bestehenden schnurstracks zuwiderlaufende ITheorieen oft aufgestellt, ohne daß deßhalb eben irgend eine Wissensrepublik in ^
ihren Angeln erdröhnte — woher nun gerade hier die volle Wirkung des !
Sturmes und schonungslosesten Angriffes? Die Geschichte kann das erklären. — !
Wenn wir uns nämlich aus dem Vorhergehenden erinnern, wie Thaer's Zielund Ende nur immer aus höhere Bvdcnbereicherung, auf Düugerbereitung alsohinauslief, so können wir uns wohl denken, daß man von seiner Zeit an erstrecht den Werth des Düngers zu bestimmen begann. In der That auch fallendie strahlendsten Bemühungen der letzten Periode der zwanziger und dreißigerJahre auf diese Doktrin und schufen die Statik des Laudbaues, in deren größ-ten Vollendung man auch zugleich den Höhepunkt laudwirthschaftlicher Wissen-schaft finden wollte, v. Voght, v. Wulfen,, v. Thünen, Hlubek.
Als der Eifer für Schafzucht etwas gemäßigter geworden war, trat dieseMistwerthbestimmung mehr als je in den Vordergrund, wie denn überhauptgenauere Erörterung landwirthschaftlicher Berechnung, Arbeitsaufwand, Ertrags-bestimmung und landwirthschastliche Verhältnißkunde insbesondere. — Nichtwenig also mußten die hervorragendsten Träger dieser Zeitbestrcbungen erschrek-ken, als ihnen der Zuruf kam von geachteten Männern der Scheidekunst: „Seit >Jahrhunderten habt Ihr keinen Fortschritt gemacht, schlcndrianmäßig wirthschaf-tende Thoren! Humus, der unlösliche, ist Euer Abgott, — aber er ist todt ,
und ohne Wirkung für's Pflanzenleben. Unorganische Substanzen allein und I
zwar jene, die wir in den Pflanzen finden, sind Pflanzeunahrung, aus denSalzen bildet sich Stärkmehl, Kleber, Gummi und Eiweiß, noch mehr abernähret die Lust; — darum nur verbrennet den Mist, kauft Düngerpräparate,Patentdünger vor Allem und Ihr werdet zu unendlichen Größen Euren Ertragschwellen!" — Folgen geringschätzende Reden und Grobheiten, wie's so derBrauch ist. —
So also sprach das chemische Orakel aus dem Laboratorium zu Gießen,Beifall schrie die unersättliche Zunft spckulirendcr Seplastarier— Düngerpulverund Luftmist bereits analog der ngun kontnnn im Geiste verkaufend, — dieWeltmcinung vom unwissenden, harthörigen Bauern war uns entgegen, — diebetreffende etwas lückenhafte Materie — die Humustheorie — wurde arg ver-unstaltet uns imputirt. — Was Wunder, wenn der Schlag betäubend wirkteund das Recht lange im Zweifel hing? —