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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Die Landwirthschaft.

Bauern-Versammlungen in Holstein und Mecklenburg, in Altenburg und dieLandwirthe-Versammlungen in Württemberg, wie jene der Obst- und Wein-Producenten ( in fast schismatischer Gestalt) viel Ansehen erworben.

Schluß.

Nachdem wir bisher in kurzen Umrissen den Geist der Landwirthschaft im19. Jahrhundert zu schildern versucht haben, wäre es nun erst am Interessan-testen, zu zeigen, in wie weit die wägbare Materie ( die Prvduction!)daran Theil genommen hat, ob sie vom Geiste befruchtet höherer Anforderungentsprach oder ob sie in Folge davon nur Windeier gebar oder auch in trägerIndolenz von ihm keine weitere Notiz nahm; kurz, statistische Resultateund national-ökonomisches Raisonnement sollten jetzt auf die Bühne treten unddas »lmoe lsbulg, stoeöt« sagen. Dieß nun hat v. Lengerke in seiner Statistikder deutschen Landwirthschast, so weit ihm die spärlichen Mittel reichten, ver-sucht und tüchtige Volkswirthschaftslehrer schenken der Frage immer größereAufmerksamkeit. Doch ist für uns hier nicht Raum und Plan, auf Resultateeines so weitläufigen Details einzugehen. Daß wir mehr Futter bauen alsfrüher, die größten materiellen Fortschritte durch ausgedehnte Bewässerungs-einführung erreichen, im Anbaue mancher Handelspflanzen, zumal des Hopfensund Tabaks gegen sonst prosperiren, die landwirthschaftlichen Gewerbe einevordem ungeahnte Ausdehnung erhielten, unsere Pferdezucht sich zu bessernbeginnt, die edle Schafzucht aber kaum von ihrer Höhe herabsteigt, dasAlles sind gewiß prächtige und gewichtige Resultate und wir verfolgen sie nichtweiter, aber über den wichtigsten Punkt den Cerealienbau die Broder-zengung und die immerfort steigende Theuerung der nöthigsten Lebensmittel,zunächst des Getreides, wollen wir doch schließlich noch unsere Meinung vomhistorischen Standpunkte aus sagen.

Zur Theuerungsgeschichte.

Nichts ist gefährlicher und führt mehr in die Irre, als die isolirte Be-trachtung von Phänomenen, welche ein materielles Substrat haben. Niemalssind solche Erscheinungen in der Natur oder im Gebiete der Kunst, der Ge-werbe oder des Handels ohne oft weitläufigen Zusammenhang, und es istAufgabe geschichtlicher Forschung, diese Verbindung nachzuweisen und den Wegzum richtigen Urtheile zu bahnen, will man sich nicht bloß in Aufstellung ab-stracter Principien gefallen. Wenn wir dieses auf die Erscheinung so aus-gedehnter Theuerung, wie sie in neuerer Zeit die bestcultivirten, civilifirten,wohlgeordnetsten und industriellsten Staaten Europa's befällt, anwenden, sowollen wir damit nicht sagen, daß zur Erklärung derselben eine geschichtlicheErörterung aller jemaligen Getreidezufuhren von den Weizenflotten der Ost-und Weströmer aus Aegypten an bis aus die Lieferungen von Odessa, Canadaoder Danzig aus nach England nöthig wäre, oder daß selbst eine Geschichteder Theuerungen von der alten kanaanitischen bis auf neuestes irisches Elendunserm Zwecke sehr förderlich sei, obgleich wir eine pragmatische Behandlungdieser Gegenstände für keinesweges erfolglos halten möchten, zur Gewinnungmanchen erprobten Schlußsatzes, aber eine kurze geschichtliche Erörterungder Verhältnisse des Getreidemarktcs, im nordwestlichen und mittlern Europavor Allem, möchte doch das Feld der Erörterung ebnen und die Gründe für