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Neueste Geschichte.
die neueste Erscheinung nebst ihrer Abhilfe klarer zur Beurtheilung stellen.Ob Kartostelfänle oder Kornwucher, Zurückbleiben der Landwirthschast undhartnäckiges Schlendrianwesen chemiescheuer Agronomen, ob enorme Zunahmeder Population, klimatische Ungunst, Schutzzölle oder Freihandelssystem dieSchuld tragen, wenn die Jrländer verhungern, die Branntweinbrenner jammern,Franzosen Gewalt brauchen und die Schweizer ihrer Freiheit zu Leibe gehen— in Ermangelung anderer Alimente — das werden wir zwar hier nicht desRaumes halber völlig untersuchen können, aber einen Zusatz zur Theuerungs-frage mag uns doch zu liefern vergönnt werden.
In den älteren Zeiten, als noch die Bevölkerung Europa's durchweggering war, als der Ackerbauer aus niederer Stufe Gemeindewaide und Hut-rechte hatte, reine Brache alle drei Jahre hielt und nur selten ein Futterkrautbaute, war der Getreidehandel in sehr verschiedenen Richtungen zerstreut.Bald sandte Deutschland Getreide nach Skandinavien, bald in die pyrenäischeHalbinsel und später nach Holland, noch mehr that dieß schon damals Polen.Seit seinen Getreidegesetzen von 1670 sandte England bald viel Getreide aus,bald mußte es einführen, seltener that beides Frankreich bis in's 18. Jahr-hundert, wo es sich immer häufiger vom Auslande versorgen mußte. Erst mitber Zunahme großartigen Welthandels, mit den Bedürfnissen der großen Kriegeund der Zunahme der Bevölkerung gegen Ende des 18. und den Anfang des19. Jahrhunderts gewann der Getreidehandel eine mehr sichere Richtung undeine sehr erhebliche Ausdehnung. Als fast 'alljährlich einführende Korn-käufer erschienen Spanier und Portugiesen, erschienen Franzosen und bedeutenderals Alle — die Engländer. Ihnen gegenüber hatten sich als Kornproducentenconsolidirt: die Ostseeländer und Polen, Nordamerika und die Küstenländerdes schwarzen Meeres an der Nordseite, soweit nämlich Rußland hier förderndrn den Ackerbau und die unternehmenden Kaufleute von Odessa mit seinenProducten in den Handel eingriffen. Geringer, aber doch ständig blieb dieKornaussuhr aus den Häfen der Hansestädte und von Dänemark. Beachtenwir vorerst dieses Factum, daß seit den letzten Decennien des 18. Jahrhun-derts geschichtlich und statistisch erweisbar die genannten Gegenden ständigeKornkammern blieben und daß selbst ausgedehnte Mißernten oder unglücklicheErntejahre dieses Verhältniß nicht zu erschüttern vermochten.
Zwar trat dasselbe nach Beendigung der französischen Kriege plötzlich nichtMehr so augenfällig auf und es zeigten sich allerdings einige Oscillationen,insbesondere von 1819 bis 1828, als nämlich die durch den Krieg veranlaßteNachfrage aufgehört und man in England wie Frankreich, auch Holland dieAnfuhr des Getreides durch drückende Korngesetze beschränkt hatte, die süd-westliche Halbinsel Europa's aber nach der Emancipation des vormals spanischensjnd portugiesischen Amerika's der Zahlungsmittel ermangelte und mehr aus sichf^bst angewiesen ward. Dazu kamen noch die durch den Krieg dem Ackerbauefortan nicht mehr entzogenen Hände, die größere Sicherheit der Ackerbaupflegeund der daraus gelegten Capitalien, endlich selbst eine fortlaufende Reihe guterEriuejahre.
Was nun letztere und noch mehr ihren Gegensatz — Mißernte — betrifft,so sei uns vergönnt, episodisch derselben in historischer Zusammenstellung ebensoEurz zu gedenken, als dieß eben bezüglich des Getreidehandels der Fall war.Daß Mißernten die Hauptnrsache aller Theuerungen sind und waren, ist nochNiemandem eingefallen, in Abrede zu stellen. Die Ursachen der Mißerntensind ebenfalls bekannt; — in der Hauptsache sind es immer vorherrschende^ktreme des physikalischen Klimas oder extremer Witternngscharakter, — langNeue Encyklopädie. Bd. l. Nr. 2. 6