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Die Landwirthschast.
andauernde Nässe oder Trockenheit, Kälte oder Wärme, Ob diese Ursachensich seit Tausenden von Jahren gemehrt oder gemindert haben, ist Gegenstandvielfacher gelehrter Untersuchungen gewesen und wir selbst haben in jüngsterZeit in diese dunkle Frage mehrere Anhaltspunkte zu bringen versucht, und in sKlare gestellt, daß mit der Verletzung des Naturzustandes eines Landes sehrbedeutende Umänderungen seines Witterungs-Charakters erfolgen, daß sich die-selben zunächst in einem vorwaltenden häufigern Auftreten der Extreme kundgeben, diese selbst aber die wichtigsten Factoren der Mißernten sind. Ver-bunden mit der großen Unsicherheit ihres Auftretens sind solche Extreme, zumalder in der Zeit vermehrte Trockenheitszustand der Atmosphäre und die inten-sivere Einwirkung der Sonnenstrahlen die Grundursachen von Mißjahren, abersie sind nicht unbesiegbare Feinde erfolgreicher Bodencultur, umgekehrt, geradedie erfindungsreiche Neuzeit hat viele Mittel und Wege angegeben, den schäd-lichen Einflüssen der Witterung entgegenzuwirken, und demgemäß sollten bei sointensiver Ausbildung der Reallehrcn und der Naturwissenschaften, bei so ent-schiedenen Fortschritten der Landwirthschaftslehre nicht bloß nicht häufigerTheuerungen entstehen, als in früherer Zeit, sondern vor Allem sollte nichtjene Constanz der Erscheinung immer hoher steigender Brodpreise, immerweiter greifender schlechter Ernährung, überhaupt der Unzulänglichkeit nöthigsterNahrungsmittel bleiben, — es sollten die Wirkungen der Mißjahre nichtlänger dauern, als ihre Ursache. —
Die Geschichte der Theuerungen malt uns zwar viel grausenhaftere Bilderin alter, als sie dieß in neuerer Zeit thun kaun, seitdem nämlich die Kartoffelndie Lücke landwirthschaftlicher Vervollkommnung verstopft haben, seit diese denbequemen Lückenbüßer bilden für manche schwache Seite der Agricultur. Mehrverdeckt als radical gehoben wurden durch die Einschaltung des Kartoffelbauesdie Grundübel des landwirthschastlichen Gewerbes. Jene Geschichte der Theue-rungen nun haben wir sorgfältig durchgegangen, um Anhaltspunkte zur Beur-theilung der jetzigen zu erhalten. Durchschnittlich am häufigsten trafen zweiElendsjahre nach einander, seltener einzelne; in einem bestimmten Verhältnisseder Zeit nach, in der sie auftraten, stehen sie nicht, wie man etwa nach den— freilich falschen — Angaben von Cyklen, innerhalb denen sich großartigeWitterungsänderungen — oder Witterungserscheinungen wiederholen, — an-nehmen sollte. Die bayrische Geschichte kennt solche Hungerjahre schon 850 v.Chr. — 873—74, 897, 1196, 1211, 1259, 1281, 1437—38, 1564—65,1570—71, 1649, endlich 1770—71, als letzte große derartige Erscheinung,welcher man dann die rapide Einführung des Kartoffelbaues vorzüglich zuzu-schreiben hatte.
Wir halten zwar den etwas vorwaltenden Genuß der Kartoffeln stattGetreide für nicht so eingreifend in die Herabsetzung physischer Kraft undgeistiger Spannung oder moralischer Energie, wie dieß erst unlängst in derAllgem- Zeitung d. I., Beilage 31 „zur Korn- und Brodfrage unserer Zeit"geschehen ist, zumal nicht deßhalb, weil sie eine aus der Fremde eingeführte,unter der Erde und nicht im hellen Lichte der Sonne reifende Frucht sei —aber das glauben wir doch, daß man einmal ernstlich darangehen müsse, denKartoffeln ihren wahren Werth in der Leibesökonomie anzuweisen, weil darausauch ihr weiterer für die Landesökonomie folgen wird. Und in der That,die Kartoffeln scheinen uns den Rang da nicht zu verdienen, den manihnen angewiesen hat, und die Verkennung ihres Standpunktes als Surro-gat scheint ernstliche Uebel den vorzüglich kartoffel - essenden Nationen zubereiten. —