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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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83
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Neueste Geschichte.

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Es ist Thatsache, daß durchschnittlich in den meisten Theilen Europa'sauf jede Familie 45 Mitglieder kommen, bei der auf Kartosselbau fast alleinstch verlegenden Bevölkerung rauher Gebirgslagen (Riesengebirge, Sudeten)treffen 6 8 aus eine Familie; es ist Thatsache, daß Kartoffeln bei vor-herrschendem Genusse nicht die verwendeten Kräfte wieder ersetzen, den Appetitimmer vermehren und große Eßsähigkeit erzeugen, große Mägen zwar erhalten,aber ohne entsprechende Spannkraft und Ausdauer, daß die bei schlechtemBoden und schlechter Düngung, kurz bei nachläßiger Cultur immer noch einenlohnenden Ertrag gebende Kartoffel eine Vernachläßigung anderweitiger, mehrintensiver Cultur, zumal der Futterkräuter, bewirkt haben, daß sie wegenbesonderer Brauchbarkeit zur Branntweinbrennerei dieses Gewerbe zum Schadender Völker nicht bloß sehr in Ausdehnung gebracht haben, sondern auch aufgroßen Gütern eine sehr große Flache dem Cerealien- und Futterkräuterbaueentzogen, aus Branntwein benutzt aber keinerlei Art Nahrungsstoff gewährten; es ist Thatsache endlich, daß durch das feindselige Verhalten der Kartoffelgegen unmittelbar nach ihr folgende Cerealien der ergiebigste Anbau dieser, alsWinterfrucht, eingeschränkt wurde. Wir könnten die Reihe solcher Werths-Beeinträchtiqungen noch weiter fortsetzen, zweifelsohne aber auch eine schöneEolonne wirklicher Vortheile ihr entgegensetzen aber das ist hier nichtunsere Aufgabe und das Obige wird nur deßhalb angeführt, weil man beiBeurtheilungen von Theuerungs-Zuständen, ohne von den Kartoffeln zu reden,nicht mehr recht vom Flecke kommen kann. Die Kartoffelfäule aber als dieUrsache der heurigen Theuerung anzusehen, ist um so weniger begründet, alsbekanntlich die Erkrankung derselben dieses Jahr gar nicht so intensiv war(im continentalen Mitteleuropa), als früher, als endlich auch der Cerealien-Mangel entschieden und gewiß ist, vor Allem aber das Steigen dieses Mangelsseit einer langen Reihe von Jahren constant und somit von fortwährenderErhöhung der Preise der nöthigsten Lebensrnittel die Rede ist, nicht von einerplötzlich aufgetretenen, in 1 oder 2 Jahren nach einer guten Ernte spurloswieder verschwundenen Noth. Wir knüpfen somit weiter an den historischenDaten an, welche die Konstanz erwähnter Erscheinung auch bis in die neuestenZeiten herauf darthun sollen.

Es wurde oben des starken internationalen Getreidehandels gegen Endedes 18. Jahrhunderts und selbst während der Kriege, endlich der Oscillationennach denselben Erwähnung gethan, und wir fügen jetzt hinzu, daß erst gegenl^nde der zwanziger Jahre der Verkehr aus den alten Kornkammern denpreußischen Ostseeländern, Polen, Südrußland und selbst Italien wieder regerf^ssrd, als namentlich einige Mißernten in England und Westeuropa überhauptE unnatürlichen Schranken der Gesetzgebung durchbrochen hatten. Jene ebenKannten Kornländer waren und sind indessen keinesweges auf einer hohenStufe der Bodencultur, im Gegentheil befinden sie sich noch sehr in den An-fängen dieses Urgewerbes der Menschheit, aber eine geringe Population imVerhältnisse zu fruchtbaren, getreide-erzeugenden Ebenen, nebst noch wenig ver-letzter Natur in den Wäldern zunächst und daraus folgendem, mehr constantemWitterungscharakter waren und sind noch die Grundursachen reicher Kornpro-dnction, bis zur Ausfuhr in siegreicher Concurrenz. In den dreißiger Jahrennun zeigte sich jenes oben angedeutete Verhältniß immer klarer. Die meistenLänder Westeuropa's, in denen seit dem Frieden die Bevölkerung in enormerZunahme begriffen war ( Fabrikthätigkeit mit Sitzen, Branntwein, Kaffee°der Thee und Kartoffeln!) mußten von nun an alljährlich Getreide ein-führen, freilich mehr, wenn Mißwachs eingetreten war, aber auch in günstigen