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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Neueste Geschichte. 85

als auf wachsende Getreideausfuhr aus Deutschland durch die Hanseaten zuhoffen.

Aus allen diesen Daten mm stellt sich heraus, daß es neben den Plötzlichauftretenden Theuerungs-Fluctüationen, die von Mißernten allgemeinenoder besonderen, auf bloß einzelne Fruchtarten beschränkten entstehen, nocheine andere stetig zunehmende Theuerung gibt, die insbesondere in den über-völkerten Ländern Westeuropa's, selbst mit der Zunahme der Bevölkerung ineinem gewissen Verhältnisse stehend, auftritt und keineswegs aus Gründen, diein der' Zukunft oder gewissen Umständen der industriellen Gegenwart irgendeine Beruhigung bieten. Es ist gewiß, daß England in neuester Zeit, selbstin Zeiten seiner günstigsten Ernten (wie 1842) immer noch Getreide einführte,daß diese Einfuhr immer nur wächst, obgleich gewiß die Bevölkerung sich immermehr schlechter nährt, als in früherer Zeit. Auch Frankreich beginnt immerregelmäßiger Korn einzuführen, Deutschland aber verkauft immer weniger undtheurer, seine oder vielmehr Preußcn's und Oesterreichs Ostprovinzen ausge-nommen, die ebenso an vollkommenem Ackerbaue, als an Bevölkerung Mangelhaben. Auch Holland und Belgien reihen sich an die ständig kornkaufendenStaaten; freilich aber haben auch alle korneinführenden Staaten Europa's seit5060 Jahren ( seit 1780 begann erst der Korn-Import nach Englandbedeutende! werden) nicht so viel bezogen, als England allein, aber eshat auch nirgends die Population in demselben Maße zugenommen, wie dort.Daß auch der Ackerbau in England, wie Land- und Hauswirthschaft überhauptsehr hoch stehen, ist eine bekannte Sache. Dennoch aber ist jenes Factumgewiß und seilte Erklärung liegt zunächst darin, daß daselbst in neuererZeit die Population in viel bedeutenderem Maße gewachsenist, als die landwirthschaftliche Production. Wenn selbst indem landwirthschastlich so hoch stehenden England die letztgenannte Productionso sehr gegen die Bevölkerungszunahme zurückgeblieben ist, wie wird es erstmit Deutschland stehen? Eilen wir wohl demselben Ziele, das England, dieNiederlande und Frankreich zum Theil schon erreicht haben, mit noch vielrascheren Schritten entgegen? Betrachten wir somit etwas näher das, was

die Forderungen der Zeit an die Landwirthschaft oder dieFortschritte derselben" nennt.

Um diese würdigen zu können, würde wohl eine pragmatische Betrachtungher Landwirthschafts-Geschichte im Allgemeinen und der in Rede stehenden LänderInsbesondere von entschiedenem Nutzen sein. Allein der geringe Raum gebietet

die größte Beschränkung hierin.

^ Von England zuerst wissen wir, daß es in ältester und älterer Zeit.^kreide ausführte, zwar einmal durch enorme Schafzucht darin etwas zurück-kam, über dieß war nur vorübergehend. Als 1689 aber selbst eine Prämieauf die AuSfubr des Getreides gesetzt ward und jene Suite von gut berech-neten Korngesetzcn folgte, stieg die Ausfuhr England's an Cerealien zu selbstlehr hoher Bedeutung. Erst in Mitte des 18. Jahrhunderts aber begannendort jene praktischen Umänderungen in den Wirthschaftssystemen, welche dieBewunderung des Auslandes auf sich zogen und durch Thaer ihren Wegnach Deutschland fanden, wo man seitdem mit dem Anpreisen englischer Land-bauweisen nimmer satt wurde. Indessen ist aber bekannt worden, daß jenerhohe Stand intensiver Bodencultnr nur in den östlichen Grafschaften des König-reichs England Statt finde, in Northumberland, Norfolk und Lincoln, daß aberw den westlichen Landestheilen, zumal in Wales, noch mehr in einem großenTheile Schottland's und gar Jrland's die Cultur noch auf sehr tiefer Stufe