Buch 
Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
Entstehung
Seite
86
JPEG-Download
 

86

Die LanLwirthschaft.

stehe. Dazu kommt, daß jener allerdings außerordentliche Aufschwung in derzweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine in neuerer Zeit weggefallene Ursachehatte, die großen, reellen Erfolge aber in den Zeitumständen begründet waren,die ebenso nicht mehr vorhanden sind, so daß jener hohe Stand englischerLandwirthschaft bei nüchterner Betrachtung sich in sehr große Einschränkungenzurückziehen dürfte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war nämlichlandwirthschaftlicher Betrieb bei dem reichen Landadel und den GrundbesitzernEngland'S ül'crhaupt zur Mode geworden. Recht nach der Sitte altrömischerPatrioten hatten sich mit der erhabenen Verehrung für den Brauch der Vätcrund Hochachtung der Religion und humaner Gesetze zugleich die mächtigstenund reichsten Männer des Staates der Pflege ihres Grundbesitzes gewidmet,den Pächter bereitwillig unterstützt und nickt bloß die theoretische Seite desLandbaues selbst gepflegt, sondern auch mit hoher Munificenz die wissenschaft-lichen Versuche anzustellen ermöglicht. Jetzt sieht man ihre geldmüden odergeldschwachen wandernden Söhne in geschäftigem Müssiggange die Meere durch-teleskopiren, die Gebirge überrennen und die Ebenen Europa's durchangeln,den Pächtern zu Hause das Letztmögliche abpressend und gegen das Elend derunteren Klassen völlig empfindungslos! Der Fortschritte selbst haben sich dortmarktschreierische Handelsgärtncr mit Cultur-Giganten, Dampfpflug-Mechanikerund Guano- oder Patentdünger-Bereiter bemächtigt, und Sir Robert Peelhatte wohl sehr Recht, wenn er voriges Jahr im Parlament meinte, derLandwirthschaft sei ein aufmunternder Stachel sehr nöthig.

Daß ferner jene so eifrigen Bestrebungen auch gleich ein klingendes Re-sultat abwarfen, daran war nächst der großen, beliebten Fleisch-Consumlion, dieden künstlichen Futterbau für den Fruchtwechsel so einträglich machte, vor Alleinder Krieg von den neunziger Jahren an bis 1815 Schuld, d. h. die dadurchhervorgerufene große Nachfrage und die von selbst folgende Absperrung fremderZufuhr hatte die englischen Grundbesitzer und Landbauer in jenen Zustandparadiesischer Wohlfahrt versetzt, aus dem sich die Protectionisten unserer Tageso schwer nur haben reißen lassen.

Als nämlich im Frieden die große Nachfrage der Kriegsjahre aufgehörthatte, der Kontinent wieder nach aufgehobener Sperre Getreide zu liefern be-gann, fiel Korn und Vieh in England enorm im Preise, die Noth der Pächterstieg aber nock höher, weil sie in Erwartung des Fortbestandes der Dingehoch gepachtet hatten und die im Kriege entstandenen Auflagen fortdauerten.Da ward nun die Regierung bestürmt, durch eine Abgabe auf fremdes Ge-treide die englischen Ackerbauer vor der Concurrenz des fremden Getreides zuschützen, was denn auch 1815 schon geschah. Daß sie einen nur geringenErfolg hatten und vor Kurzem eben wieder geändert und ganz aufgehobenwurden, haben wir erfahren, nicht minder, daß der Erwerb der landbauendenBevölkerung, zunächst der Arbeiter, ein sehr geringer war, dieselben sichgroßentheils den Manufacturen und Fabriken zuwandten, ein Sinken des Er-werbes dieser aber als so massenhaft vorhanden, eine sehr bedeutendeMinderung der Konsumtion landwirthschaftlicher Erzeugnisse hervorrief.

Dieser keinesweges so verbreiteten, in neuerer Zeit offenbar in Abnahmegekommenen intensiven Cultur Britanuien's steht eine ziemlich mangelhafte exten-sive nicht minder zur Seite. Wir haben erst vor Kurzem gehört, daß

England 25,632,000 Acres bebautes,

3,454,000 unbebautes, aber cultur fähiges,3,256,400 wüstes,