90
Die Landwirthschast.
Morgen — 10500 Pfund zu 20 °/g Stärkmehl — 21 Centner Kartoffelstärkegleich sind an Nahrungskraft dem entsprechenden Quantum Weizen mit Klebervermischt, wird Niemand behaupten wollen und es dürfte die Halste anzu-nehmen nicht zu gering sein. Diesen Ilst/r Ctr. Mehl aber stünde doch nochder Ertrag der ehemals vom Dreifelderwirthe regelmäßig in einen — meist denhalben — Brachantheil bestellten Sommerung mit Erbsen, Linsen rc. entgegen.Nehmen wir nur 1 Scheffel Erbsen gegen jene 10'/2 Ctr. Mehl, so bleibenetwa Ctr. Mehl oder auch nur etwas über 3 Ctr. bei einem Durchschnittser-trage von 20 Scheffel Kartoffeln per Morgen mehr. Durch Reihenanbau vonBohnen unter günstigen Verhältnissen würde man einen den Kartoffeln gleichenErtrag an Nahrungsstoff auf dem Morgen erzielen können.
Indessen neben reiner Brache und den Kartoffeln wird auch noch Kleegebaut. Daß dieser zum Theil den Entgang der Gemeinde- und Waldwaidendecken muß, ward schon erwähnt, daß er ohne gute Krume und besondereBodenkraft nur schwer die belobten Eigenschaften der Bodenkraftmehruug zeigt,ist nicht minder bekannt. Wir fügen nur hinzu, daß in der Regel, so wiejetzt noch unsere Düngererzeugung, Viehhaltung und Wiesenwirthschast besteht,'eine in die halbgedüngte Kleestoppel gebaute Winterung sich mit jener desreinen Dreifelderwirthes nach reiner Brache nicht messen kaun. Uns sind nichtwenige Gegenden bekannt, wo man den Klee für bodenzehrend hält und nachihm 'reinbracht. Aber daran sind nur mangelnde Bodenkraft, nicht minder auchjene seit 10 Jahren immer häufiger auftretenden Extreme der Trockniß Schuldund schlechtstehendcr Klee gibt allerdings kein Plus von Bodcnkraft ab.
Die Fortschritte endlich betreffend, welche Mechanik, Chemie und Natur-wissenschaften überhaupt in der Landwirthschast beregten oder doch anzuregenversuchten, — wem ist da noch unbekannt, daß sie zwar sehr viel Licht ver-breitet und den Weg für künftige Forschung gezeigt haben, aber daß auch inder Regel die landbauliche Praxis, die technische Operation schon da war, eheerst die erläuternde Theorie kam. — Wenn aber jene Wissenschaften zu specu-liren begannen und s priori uns mit Folgerungen überhäuften, die noch oben-drein mit giftigem Stachel sich den Eingang zu erzwingen suchten, wenn sie unspraktisch widerlegte Theoreme mit Gewalt in den Haushalt trugen und geradezupraktisches landwirthschastliches Wissen mit Mitleid oder Nichtachtung behandelten,dann getrosten wir uns, jenen „Fortschritten" zur Sicherung unsers Beutelsfern geblieben zu sein. Wann doch wird man von Seite anmaßender Theore-tiker aufhören, in den landwirthschastlichen Betrieb autonomisch einzugreifen,ehe man noch seine Lehre kennen und schätzen gelernt hat, wann wird mauerkennen, daß eine landwirthschastliche Erfahrung so gut ein »aturhistorischesExperiment, ja noch besser sein muß, als der kleine Versuch im Laboratorium!Gewiß sind seit 50 Jahren die Landwirthe in Begründung ihrer Wissenschaftsehr weit vorgeschritten; ja auch in die große Praxis ist viel Heilsames einge-treten und sind der Verbesserungen viele, aber daß unsere landwirthschastlicheProduction in derselben Zeit mit der Zunahme der Bevölkerung, die an vielenOrten um das Doppelte stieg, gleichen Schritt gehalten, — das glaubenwir durch obige Auseinandersetzung in Zweifel gesetzt zu haben. Schreitet dieBevölkcrungs-Zunahme ferner so fort, ja selbst in noch geringerm Maße, alswie bisher, so wird die Zeit nicht fern sein, in der es auch uns in Deutschlandin manchen Jahren so sehr an dem ersten Lebensbedürfnisse fehlen dürste, daß inZeiten des Mißwachses leicht Hungcrsnoth — in der alten, schrecklichen Ge-stalt, wieder eintreten könne. Dieser Satz aber hat doch nur Bedeutung,wenn eine ernstere Förderung des Ackerbaues, als bisher, unterbleibt. Die