Neueste Geschichte.
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Förderung selbst? worin dürste sie zunächst liegen? — Einführung der schonseit fünfzig Jahren empfohlenen besseren Fruchtfolgen, Futterkräuterbau undWiesenbewässeruug, bei Zeiten — nicht wenn schon der verarmte Landbauerkein Meliorations-Capital mehr hat und beim besten Willen Nichts bessern kann,wie bereits schon häufiger der Fall ist, als.man bemerken will, — Errichtungvon landwirthschastlichen Musterschulen, zunächst nur für Bauernsöhne berechnetmit Musterwirthschasten, weil nur der Bauer das nachahmt, was er steht,nicht was er ließt. — Doch was frommt eine Wiederholung schon tausendfältigvorgebrachter alter Dinge? — Wir trösten uns eben damit, daß es dasWeltengeschick für gut finden mag, gewisse Stimmen der Zeit in einer Wüstevon Theilnahmslosigkeit verhallen zu lassen, — erwähnen aber eines SatzesThaer's, welcher tiefe Bedeutung hat:
„Unter allen Gegenständen der Staatswirthschaft ist die Versorgung desVolkes mit Lebensmitteln anerkannt der erste und wichtigste. Von ihr hängtBevölkerung, jedes Gewerbe und das Vermögen des Staates ab. Ohnesie wäre Bevölkerung Zerstörung des Staates, jedes Ge-werbe eine Quelle des Hungers und Reichthum die bittersteArmuth." (Engt. Landw. II. Band S. 117.)
Während von einer gewissen Seite her der Laudbebauer seiner glücklichenLage halber — bezüglich hoher Getreidepreise — beneidet wird, sieht sich der-selbe Beneidete genöthigt, von allen möglichen Surrogaten von Nahrungsmittelnzu leben, sein Getreide zu verkaufen, um Steuern und Abgaben (grundherrlicheLasten, Laudemien, Kreis-, Districts- und Gemeinde-Umlagen vor Allen!) zuzahlen und schickt sich in Masse zum Auswandern an, weil er trotz allem Fleiße,trotz aller Ersparung seinem Lande nicht allein keine Reute mehr abgewinnenkann, nein, weil ihm die Zinsen seines Grund-Capitals nicht mehr zurErhaltung ausreichen, weil er alljährlich ärmer wird und für seine Familienur das Elend in Aussicht hat. Nicht mehr bloß arme, nicht bloß politischverfolgte oder religiös gekränkte, unruhige Köpfe wandern jetzt aus — mangestehe stch's nur ein — es sind oft der Mehrzahl nach wohlhabende, wohl-überlegende, selbst bedächtige Männer.
Vorrath und Bedarf regeln den Gctreideprcis. Allerdings ist derBedarf mit der Population (oder die Konsumtion) größer geworden, aber derVorrath nicht — ausgenommen in wenig nährenden Kartoffeln —, noch wenigerdie Mittel, denselben zu kaufen. Aber warum haben erhöhte Preise nicht auchErhöhte Bodencultur und Vermehrung der Vorräthe erzeugt? Weil einmalPei zu großer Bodenbelastung — eine allgemeine Folge modernerdaatseinrichtungen neben altem Zeudalrechte! -— schlechtere Flächen zu kulti-eren nicht lohnend ist, — die besseren aber dabei nur in mehr extensiver alsintensiver Cultur eine Reute geben, weil eben der nächste Fortschritt der Land-Airthschajt in der Einführung des Fruchtwechsels liegt, den aber nur derReichere — wie fast alle ernsteren Meliorationen — einführen kann, und derauch überhaupt nur bei hohen Getreidcpreisen und reichem Boden einen denProduktionskosten entsprechenden Reinertrag gibt.
Wie jedes Land das seinem Klima und Boden Zusagendste am Vortheil-haftesten producirt, so erzeugen jetzt schlechtbevölkerte Distrikte mit Vortheil^uch Getreide für die reich bevölkerten Industriellen. Diese aber schicken jenenvie Manufacte und Fabrikate. Wer fährt dabei besser? Jene, die nebenFabriken- und Handelsflor auch noch höchst entwickelten Ackerbau haben, undwenn er auch gleich nicht immer zur Deckung ihres Bedarfes hinreicht, so sindsie doch nur wenig in dieser Beziehung vom Auslande abhängig, — oder jene