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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Landwirtbschastliche Klimatologie.

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bildet das, was man Witterung heißt; die ganze mittlere Wärme eines Ortesim Jahre heißt seine Temperatur. Es ist aber für die landwirthschaftliche Pro-duktion von größter Wichtigkeit, nicht bloß die mittlere Temperatur des ganzenJahres, sondern auch die des Sommers und Winters und die Vertheilung der-selben überhaupt in den vorzüglichsten Vegetations-Perioden, das häufige oderseltene Auftreten ihrer Extreme, endlich ihr Verhältniß zur Vegetationszeit derPflanzen überhaupt zu bestimmen. Auf die Temperatur nun haben vor AllemEinfluß: -

1) Die geographische Lage;

2) die Elevation und örtliche Lage;

3) die Ausdehnung der Wasserflächen;

4) die Beschaffenheit der Erdoberfläche;

5) die Richtung der Winde;

6) örtliche Verhältnisse.

Die Abnahme der Temperatur mit der Entfernung der Orte von, Aeqnatorbegründet die Eintheilung der Zonen in die kalten, gemäßigten und die warme.Sehr merkwürdig ist die Beobachtung, daß die Temperatur-Abnahme mit derEntfernung vom Acquator nicht unter allen Längen gleich ist, namentlich daßunter übrigens gleichen Verhältnissen die Westländer der Continente eine höhereTemperatur als die Ostländer haben.

Mit der Erhebung der Orte über die Erdoberfläche nimmt die Wärmeab und man nimmt für die hohen Lagen der gemäßigten Zone auf 600 Fußeine Abnahme um 1"C. an, in den niedrigen Lagen tritt diese Abnahme oftschon mit der Hälfte der Erhebung ein lbei 300'). Dieß geht dann so fort,bis man an einen Ort kommt, wo selbst die höchste Temperatur des Jahresnicht den Schnee schmelzen kann, wo also ewiger Schnee liegt. Alle Punkteder Erde mit ewigem Schnee, durch eine Linie vereinigt, bilden die Schneelinie,die unter dem Aequator bei circa 15,000 Fuß, an den Alpen bei 8000'vorkommt,innerhalb der Polarkreise aus die Ebene fällt. Hohe Gebirge stellen daher den-selben Wechsel der Vegetation im Kleinen dar, den man im Großen bei derEntfernung vom Aequator gegen die Pole zu bemerkt. Mit der Höhe der Ge-birge nimmt also die Zahl der Erzeugnisse ab und die Vegetation verschwindetan der Schneegrenze ganz. Die Temperatur der Gebirge ist aber nicht alleinnach der Höhe, sondern auch nach den Abhängen, der Himmelsgegend, Schutzvor kalten Winden, Einfallswinkel der Sonnenstrahlen verschieden und dieß giltauch von kleinen Bergen, Hügeln und Abhängen.

Von sehr großem Einflüsse nicht bloß auf Aenderung der Temperatur, son-dern auch auf die größere Einwirkung der atmosphärischen Feuchtigkeit auf die Vege-tation sind die größeren Wassermassen, die entweder Länder als Meere umspülen,oder im Innern der Continente als Seen ibrc Kälte- und Wärme-Extreme mil-dernden Dünste ausströmen. Moore und Sümpfe mildern nur die Wärmeein-wirkung, nicht aber jene der Kälte und vermindern so im Ganzen die Tem-peratur.

Daß auch Waldungen die Wärme des Sommers Herabdrücken, ist für diewärmeren Länder als gewiß angenommen, für die gemäßigten aber findet eSnur im geringen Grade statt. Um so gewisser aber vermehren große Wald-massen die Kälte, zumal in den Ebenen und in wasserreichen Gegenden, nichtso im Gebirge *wo sie häufig schützend gegen kalte Winde wirken.

Je nachdem Winde heftiger oder schwächer wehen und über feuchte odertrockene, kalte oder warme Erdstriche ziehen, ist ihre Wirkung auf Aenderungder Temperatur sehr verschieden. So besonders sind Westwinde wärmer im