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Historisch-encyklopädischer Grundriss der Landwirthschaftslehre / von Dr. Fraas
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Gartenbau.

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August von Sachsen säete selbst Obstkerne und empfahl den Pächtern ihreWartung und Pflege in Wort und Beispiel, ja das Augsburger Bürgerbuch von1514 rechnet die Baumpelzer (Beredter oder Kunstgärtner) zu den freienKünstlern selbst. Schon kannte man die meisten unserer Obstgattungen und zwarin zahlreicher Art. Aepfel, Birnen, Pfirsiche, Kirschen (rothe, schwarze, weiße),Pflaumen und Welschnüsse waren vorhanden und Granaten suchte man ein-heimisch zu machen. Auch von Gemüsen kannte man viele, wie Blumen-kohl, Mangold, Kresse, Kürbisse, Petersilie, Mohren, Erbsen, Knoblauchund Artischocken; und gerade hierin bildete sich ein origineller deutscherGartenstyl aus, von dem es gewiß, daß er mit dem niederländischen gleichen! Alters ist. Wie in dem städtereichen Flandern und Brabant, so am Rheine undam Maine, in den Nordseemarschcn um Hamburg und Bremen, in Holstein, inThüringen und Meißen, um Magdeburg und Erfurt, in Franken um Nürnbergund Bamberg, in Schwaben um Augsburg und Ulm hatte sich eine ArtGartencultur im Freien, ohne Umzäunung und Zierathen gebildet, die für besserals die höchste Stufe damaligen landwirthschaftlichcn Betriebes gehalten wird.

Solche Gemüsegärten deutschen Styls waren ausgezeichnet durch regel-mäßige Anlage und Einfassung der Beete mit Brettern, durch einen freienGrasplatz unter Obstbäumcn und Anstalten zur Leibesübung Turnen inältester Zeit. Von den Niederländern erhielt man zwar später vielerlei Schnörke-leien zu Ziergärten und namentlich schönblühende Zwiebelgewächse, doch aber,scheint es" gelangten die ältesten Zierpflanzen Europa's, wie ganz natürlich,vom Orient aus zu uns. Dort blühen nämlich wild vielfarbige Anemonen,

! Hyacinthen, Lilien, Nelken, Päonien, Mohn und Tulpen (1557 aus Konstan-tinopel), der Rosen, Violen und Goldlackarten nicht zu gedenken. Diesemdeutsch-niederländischen Gartengeschmack, der sich nach England und den skandi-navischen Ländern übertrug, kam durch die Verbindung der deutschen Handels-städte (Augsburg und Nürnberg) der italienische bald entgegen und verschmolzmit ihm, wie es eben auch in Frankreich der Fall war. Die Slaven ahmtennur nach. Jener italienische oder besser südeuropäische Styl gefiel sich inschattigen Landen und Gängen, in architektonischen Zierathen und Statuen, inAgrumen-Hainen, Palmen, Cypressen- und Piniengruppen und er war nieso steif ober gar unnatürlich, wie im mittlern Europa. Diese italienischenGartenanlagcn nun ahmte man vorzüglich in Süddcutschland nach und das erste^ Werk über Gartenbau (1530) scheint von einem Augsburger Fuggcr geschrieben

i worden zu sein. Ein Obstgartenbüchlcin erschien von Kurfürst August 1582.

Möller, Peschelius, Marius, Seydeler, Voigt, Domitzer, Vre-demann..

Unter den Ländern, die sich durch Obst-Cultur schon im 16. und 17. Jahr-hundert auszeichneten, stehen Meißen, Böhmen, Schlesien, die Mark, vor allenaber die Rhein- und Maingegendcn (Franken) oben an. Die Regierungenließen nicht ab, Obstpflanzungcn zu schützen und neue Anlagen zu ermuntern,vorzüglich, da es häufig einzelne Regenten gab, denen häusliche Vergnügungenwerther waren, als Sauhatz und Soldatendrillen. So förderte vor AllenKurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg den Garten- und Obstbau(seit 1679) und führte fremde Gärtner, wie Pflanzen und Sämereien in Mengeein. Dasselbe that in Hessen Landgraf Ludwig, im Hannöver'schen zu CelleHerzog Georg Wilhelm. Noch blühten die Gärten der Reichsstädte, nochherrschte zwar der deutsch-niederländische Geschmack mit italienischen Zuthaten,aber gegen Ende des 17. Jahrhunderts begannen nun die französischen Anlagen,gleichzeitig mit französischer Sitte und Sprache, bei den Großen Eingang zu finden.