Gartenbau.
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Ablactiren rc.). Doch erst im 18. Jahrhundert begann die nun kräftig erstehendeBotanik und ihre Physiologie hilfreiche Hand zu bieten, und den Grund zurstichhaltigen Theorie des ganzen Obstbaues zu legen. Künstliche Befruchtung derBlumen und daher Erzeugung von Spielarten, Auffrischen der Spielarten durchNachzucht aus Samen, richtige Grundsätze über Veredlung, Vermehrung, überBaumschnitt und Verjüngung, über Krankheiten der Pflanzen und deren Hei-! lung, endlich über Pflanzenwachsthum überhaupt wurden erst jetzt in diese
! praktische Wissenschaft eingeführt. Die Erfolge blieben nicht aus und was Du
Hamel' s Fleiß und de Combe's Eifer in Frankreich gesäet hatten, ward auchin Deutschland gepflegt und Münchhausen überrascht uns bereits 1768 miteiner Aufzählung sehr zahlreicher edler Obstsorten und mit sehr schönen Grund-sätzen ihrer Pflege und Nachzucht. Reichard's Verdienste sind nicht minderbekannt, erheblicher aber für Gemüse- als Obstbau. Wie sich endlich die Regie-rung bemühte, durch Gesetze den Obstbau zu schützen, die Feinde desselben,als Raupen und Jnsecten, vorzüglich zu vertilgen, ward zum Theil schonerwähnt. Aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann erst der Obstbauzu seinem höchsten Ansehen zu gelangen. Schullehrer und Priester, geistlicheund weltliche Behörden aller Art wurden stimulirt und verpflichtet, den Obst-bau zu heben, Dorfbaumschulen und selbst Staatsbaumschulen errichtet. DerEifer der Privaten ließ noch weniger nach und es bildete sich in manchen Ge-genden sogar eine eigene Baumselderwirthschaft aus, die nur im südlichen Europa,unter Oliven- und Maulbeerbänmen ihr Analogen findet. So geschah dießnamentlich in Franken und Schwaben, zum Theil im Erzherzogthume Oestreichund am Rheine. Ausgedehnte Flächen waren in Reihen mit Zwetschgen- undBirnen-, auch Aepfelbäumen besetzt, au Hügeln und Höhen standen bald mäch-tige Kirschbäume und gedörrte Zwetschgen, Kirschen und Weichseln, selbst Aepselund Birnen, noch mehr der Cider vergalten dem Landmann oft reichlich denAusfall mißrathcncr Ernten; aber lange Reihen unfruchtbarer Jahre bei Ver-nacbläßignng der Baumpflege verursachten oft auch durch den dichten Stand derBaume (die Beschattung) großen Nachtheil und retardirten weitere Ausdehnungdes Obstbaues im Großen'bedeutend (Fürst).
Nicht minder war der Gemüsebau und die gartenmäßige Cultur mancherApotheker-, Gewürz- und Handelspflanzen überhaupt, zumal in den schon obenvon uns genannten Gartenbaugegenden (in Thüringen, Franken und Schwaben,an der Nordsee, bei den Flamändern und Holländern) gestiegen. Vorzüglichist's Rcickard, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts hoch in Geltung standund eö selbst bis in's 19. Jahrhundert noch blieb. Christian Reichardwar geboren 1685 zu Erfurt, genoß in frühester Jugend die prima iimäamontLund eupita piotatis der Lateinschule zwar mit Dimissions-Erfolg, ward aber inspäteren Jahren ein tüchtiger Gartenbaucr und Landwirth, und trieb nach seinemeigenen Ausdrucke „diese Wissenschaft also, daß er allgemeine Regeln über sieaufstellte, indem in seinen Gärten des Tages und des Nachts er Vieles in derNatursorselmng, derer Blumen und Kräuter angemerket." Außer seinem Land-und Gartcnschatz (Erfurt 1750) wurde noch bemerkenswert!, seine Einleitungznm Garten- und Ackerbau. Rein Praktiker, besser fast Empiriker, handelte! er die Bearbeitung seiner Materialien dem Geschmacke der Zeit nach so ab, daß er
. sich aller theoretischen Raisonnements entschlug und nur spärliche Beurtheilung
versckstedener praktischer Erscheinungen neben weitläufiger Beschreibung derOperationen setzte. Dennoch wies er manchen Natnrwiderfinn der urtheilssaulenEmpirie seiner Zeit nach. Seiner landwirthschaftlichen Wirksamkeit ward schonoben gedacht. Was das 19. Jahrhundert für den Obstbau brachte, wird nun
Neue Encyklopädie. Bd. I. Nr. 8. 11