142
Denkmäler Denderah's II.
unter dem natürlichen Boden. Man erinnere sich der römischen Denk-mäler dieser Art, deren Alter, durch sichere Geschichte geleitet, nochnicht zwei Jahrtausende erreicht, und die gegen jene als modern zubetrachten sind. Als die berühmte Via Flaminia entdeckt wurde, fandman sie mit einer achtzehn Fuß hohen Erddecke begraben. Die Tempelvon ESne, von denen griechische Inschriften uns lehren, daß sie zuden Zeiten der Ptolomäer noch im Gebrauch waren, bedeckt einSandberg, der bis an den Earnies reicht, und selbst das alte Pflasterder Notre-Dame-Kirche zu Paris wurde mehrere Fuß unter demgegenwärtigen Boden derselben gefunden. Wenn nun schon einigeJahrhunderte hinreichten, ältere Bauwerke beinahe bis zur Unkennt-lichkeit derselben unter der Erde zu begraben, wie tief müßten jeneviele Jahrtausende alten Gebäude unter dem gegenwärtigen äußerenBoden gefunden worden seyn, besonders in einem Lande, wie Egypten,wo die Sanddecke, welche den größten Theil des Landes überzieht,so leicht beweglich ist, daß sie ganze Caravanen in wenigen Minutenbedeckt, und wo die häufige Schlammanseßung des jährlich auStre-tenden Nils nicht anders als sehr nachtheilig auf die Erhaltung öffent-licher Gebäude wirken muß. Allein man hat den Tempel zu Dcn-derah an seinen untersten Theilen nur sehr mäßig mit Erde bedeckt* gesunden! Wenn die alten Egyptier diesen Tempeck vor dreißig,vierzig und mehr Jahrhunderten gebaut hätten, so würden wir allerWahrscheinlichkeit nach eben so wenig mehr über der Erde erblicken,als man von den Ruinen von Memphis, Babylon, Carthago undanderen großen Städten sehen kann, von denen wir nicht einmal dieStelle zu erkennen vermögen, wo sie gestanden sind.
Aus den Büchern des MoseS entnehmen wir, daß die Judenwährend ihrer Gefangenschaft in Egypten im sechSzehnten Jahrhun-derte vor Christo nicht zur Herbeischaffung der ungeheuren Steinmaffen,aus welchen die Pyramiden, die Obelisken, und die großen Tempeljenes Landes bestehen, sondern daß sie bloß zur Bereitung von klei-neren Backsteinen gebraucht wurden. Wenn damals schon jeneGebäude hätten errichtet werden sollen, so würde man die jüdischenSklaven gewiß auch zur Bereitung jener Steinmaffen gebraucht haben,woraus zu folgen scheint, daß die egyptische Kunst im sechSzehntenJahrhunderte vor unserer Zeitrechnung noch in ihrer Wiege lag, unddaß die Entstehung aller jener großen und bewunderungswürdigenWerke ihrer Architektur nach dieser Periode fällt.
Ferner spricht der Zustand der Erhaltung des Tempels zu Den-