354 Körte, Wolf's Leben und Studien.
einer fürchterlichen Allonge-Perücke die Gänge und Klassen des klöster-lichen Schulgebäudes. Wolf merkte bald, daß er in der Schulenicht viel lernen werde, und gegen sein zwölftes Jabr begann er sichvon ihr zurück zu ziehen, und sich auf sich selbst und auf einsameLectüre zu beschränken. So befolgte der junge Autodidakt damalsschon den Spruch, den er später zu feinem Symbolnm erhobenhat: Kon guu itur, seä gua eunüuin. Schulmänner haben schon längstdie Bemerkung gemacht, daß die bessern Schüler gern ihren eigenenWeg gehen, sich mit aller Kraft auf den Gegenstand ihrer Neigung wer-fen, und sich gegen alles sträuben, waS man ihnen wider ihren Willenaufdringen will. Gewöhnlich werden nur aus solchen tüchtige selbst-ständige Männer. Fügen wir, mit Körte, dieser Bemerkung nochdie folgende bei, die wir oft genug bewährt gesunden haben, obschonihr Grund vielleicht nicht so ganz oben liegt, wie manche glauben:daß nämlich nur diejenigen Schüler sich späterhin in ganz verschiedenenFächern auszeichnen, welche sich früh mit ganzer Seele auf alte Spra-chen und alte Literatur geworfen haben, nur selten aber die, welcheauf neuere Sprachen und Literatur verfielen.
In seinem dreizehnten Jahre trat eine Periode ein, die bei kräf-tigen, geistesstarken Knaben nicht selten schlimm ausgeht. Bisher warer bis zum Uebermaße fleißig gewesen. Allmählich fühlte er durchewiges Sitzen und Nachtwachen seine Gesundheit sinken, und eine all-gemeine Abneigung vor allem Studircn bemächtigte sich seines ganzenWesens. Er warf also alle Bücher weit von sich, trieb sich im Freienherum, und machte so recht eigentlich den Taugenichts. Auf dieseWeise ward er, bisher still und in sich gekehrt, auf zwei volle Jahreder wildeste Junge seines Alters, den jeder Vater seinen Söhnen alsMuster von Unfleiß und Zeitverschwendnng zeigte. Diese Periodelegte bei ihm den Grund zu seiner nachherigen festen Gesundheit, under dankte später oft der gütigen Natur für diese günstige Veran-staltung.
In dieser wilden Zeit ließ er alle seine Studien liegen, undbrachte seine Zeit mit Umherschweifen auf den Gassen zu; indes bil-dete sich unter diesen Umständen sein Witz und die Gabe aus, zu dis-putiern, und schnell mit Antworten bereit zu seyn. Bei unserm großenLessing trat diese Periode bekanntlich viel später und erst dann ein,als er sich schon unter den Schriftstellern Deutschlands auf daS vor-züglichste gezeigt hatte.