Band 
Erster Band.
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364
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364 Körte, Wolfs Leben und Studien.

versalität, während sie in jedem Einzelnen kaum an die Mittelmä ßig-keit reicht.

Das erste bedeutende Werk, das Wolf herausgab, war die be-kannte Schulausgabe der sämmtlichen Werke Homers fiir das Hal-le'sche Waisenhaus (1784). Dieses Werk ist zu bekannt geworden, alsdaß es hier umständlich besprochen werden sollte. Mehrere andere,meist kleinere Schriften, gewöhnlich nur von einigen Bogen, galb erzum .Behufe seiner Vorlesungen und eigentlich bloß für seine Zuhörerheraus. U.berhaupt machte er cS sich nie zur Aufgabe seines Lebens,Schriftsteller zu seyn, sondern Lehrer, und als solcher hat ergroßartig gewirkt und eine eigentliche Schule, im edelsten Sinne desWortes gestiftet. Seine Vorlesungen zeichneten sich eben so sehr durchMethode, als durch den eigenthümlichen freien Vertrag aus. Erschrieb sich nur die Hauptpunkte und den Jdeen-Gang auf, alles übrigedem Bewußtseyn seines innern Reichthums und seinem guten Geniusüberlassend, und nie den Reiz des augenblicklichen guten Einfalls ver-schmähend. Einen völlig und vollständig niedergeschriebenen Vortrugwörtlich hcrabzulcsen, war ihm ein geistloses Ding, da dabei alleWährend eines freien Vortrags ausblühenden Gedanken beim Vorlesenganz verloren gehen, und da der Gang der freien Darstellung gänz-lich gehemmt wird. Aber erst daö Niedergeschriebene Lictiren, gehörtzu den barbarischen Erfindungen der vergangenen Jahrhunderte. Nichtsowohl eine Menge einzelner Kenntnisse soll der Lehrer mitihei-len, am wenigsten solche, die schon in Büchern enthalten sind, son-dern Grundsätze soll er geben, die zur Erwerbung eigener Einsichtreizen, die den wissenschaftlichen Geist in dem Zuhörer wecken, damitderselbe auf dem angezeigten Wege fortarbeite, wozu er, damit eS an-fangs leichter gehe, ein kleines Kapital von dem Lehrer mitbekomme.Auf diese Weise betrachtete Wolf den Verstand nicht als ein Gefäß,das nur angefüllt, sondern als einen Stoff, der entzündet werdensoll für Wahrheit und Wissenschaft. Seine Zuhörer, sagte er, soll-ten sich nicht bloß an seinem Feuer wärmen, und etwa nur einehöhere Nöthe des Antlitzes davon tragen, sondern sie sollten an derseinen, die eigene Flamme entzünden, den Rost ihrer Seele daranausglühen und das heilige Feuer weiter greifen lassen. Am geistreich-sten erschien er seinen Zuhörern, wenn er ganz unvorbereitet zur Vor-lesung kommen mußte, waö ihm gar oft geschah, wenn ihn dieStunde unter seinen Büchern überraschte. Dann waren seine Worteganz Seele, und sein Vortrag ganz aus ihm selbst geschöpft, frisch