Band 
Erster Band.
Seite
505
JPEG-Download
 

Spazier, Jean Paul Richter.

505

zuließ, aber noch viel weniger kann ich begreifen, wie ich ein solcherNarr seyn, und den Caplan zur selben Stunde fliehen konnte, wo ichihn doch von ganzer Seele fortliebte. — Unfir Vers. meint, daß sichdieses Benehmen vorzüglich aus dem Nichthalten eines gegebenen Ver-sprechens erklären lasse, wodurch sein moralisches Gefühl verletzt wor-den war. Allein so schön dieß klingt und so ehrenvoll eS für denDichter seyn mag, unS scheint, daß man die Ursache viel tiefer, undganz auf dem untersten Grunde der menschlichen Natur suchen müsse.

Da er nun mit der in der That sehr vorzüglichen Handbiblio-thek des Pfarrers Vogel in Rehan bekannt wurde, so fühlte er balddaS Bedürfniß, von diesen vielen Büchern, die er mit Heißhungerverzehren wollte, da er ihren Inhalt nicht im Gedächtniß behaltenkonnte, AuSzüge zu machen. Dieses Ercerpiren ging in steigenderProgression durch sein ganzes Leben fort. Schon in seinem fünfzehn-ten Jahre hatte er mehrere, zwei- bis dreihundert Quartseiten starkeBände solcher Auszüge, und sie wuchsen mit den Jahren bis inS wahr-haft Unglaubliche an. Im Anfange waren eS meistens philosophischeoder theologische Schriften, die ausgezogen wurden. So findet manin den beiden ersten Bänden dieser ungeheuren Sammlung folgendeAufschriften dieser, oft sehr umständlichen Excerpte: „Von der Verbin-dung der natürlichen mit der christlichen Religion;" „von der Kürzedes jugendlichen Lebens;" „was Beredsamkeit ist;" „von den Wir-kungen dcö Teufels;" „alle Vernunft ist ewig;" „von Ideen;"„von der Spinozistlschen Gottheit;" „wie die Seele denkt;" „wasSchönheit ist;" „von angebornen-Ideen" u. s. w. Merkwürdig dabeiist auch, daß er sich, seiner früheren religiösen Stimmung ungeachtet,schon in seinem vierzehnten Jahre auf das eifrigste der Heterodoxiezugewendet hat.

Zu Ostern 1779 bezog er, in seinem sechzehnten Jahre dasGymnasium in der bayerischen Stadt Hos. Hier war eS mit dereigentlich geistigen Erziehung sehr schlecht bestellt, und auch von Er-weckung des Eifers zum Selbststudium war keine Rede. Die Ge-schichte besonders war bloß ein auswendig zu lernendes Namen- undSachregister, ohne Reiz, ohne Kraft. Auch blieb I. P. dadurch fürsein ganzes Leben dieser Wissenschaft entfremdet, beinahe gram. Unddoch, welches herrliche Mittel zur geistigen Bildung der Jugend wurdedadurch und wird wohl noch versäumt. Bedauernswerthe Jugend,der eS an der Gegenwart und an der Vergangenheit zugleich gebricht,die ihr inneres Drängen und Dürsten nur mit Auswendiglernen sinn-